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13.09.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Der Hexentanz zu Blankenheimerdorf, 1641
aus den Lebenserinnerungen eines Dorfpfarrers

Seit 27 Jahren regieren glorreich Ihre Hochgräfliche Gnaden Graf Johann Arnold zu Manderscheid und Blankenheim. Er ist ein Mann von großer Frömmigkeit und Gottesfurcht, der sich deshalb nach Kräften müht, das schändliche Verbrechen der gotteslästerlichen Teufels-Buhlschaft auszurotten. Vor nunmehr 4 Jahren, A.D. 1637, haben Ihro Gnaden mich, Adam Rosaeus, als Pfarrer im Dorff Blanckenheim eingesetzt. Einfache Menschen, ohne Arg und mit tiefem Gottesglauben begnadet, leben hier. Sie mühen sich redlich um ihr täglich Brot, folgen andächtig dem Gottesdienst, halten sich getreulich an Anstand und Sitte. Aber das war leider nicht immer so. Wie über so viele Seelen anderenorts, so hat auch hier im Dorf vor etlichen Jahren der Satan Macht ergriffen über einige Unglückliche, ja über allzu viele, die dem teuflischen Werk der Hexerei verfallen waren. Sie hatten sich zum Hexentanz versammelt, mit dem Satan selbst verkehrt und sich zu bösen Taten gegenüber ihren Mitmenschen verschworen. Der Satan hatte seine Macht über viele Menschen ausgedehnt. So wurden vor zehn Jahren gar die Pfarrer Matthias Hennes aus Wiesbaum und Petrus Hildenbrandt aus Esch wegen des Lasters der teuflischen Zauberei, Satansbuhlschaft und Hexerei verurteilt und hingerichtet. Und so auch bei uns vor 5 Jahren noch Heinrich Jönen. Er war der Letzte von mehr als 30 Männern und Frauen aus unserem Dorf, die in den vergangenen fast 50 Jahren wegen dieser furchtbaren und verabscheuungswürdigen Gottlosigkeit dem Henker überantwortet werden mußten. Wir verdanken es dem Eifer Ihrer gräflichen Gnaden, daß seitdem keiner mehr der Teufelsbuhlschaft angeklagt und wegen erwiesenem Verkehr mit dem Satan hingerichtet und verbrannt werden mußte.

Aber jüngst, gerade in diesem Jahr 1641 - Gott und allen Heiligen sei’s geklagt - ist wiederum ein Gerücht aufgekommen, hier im Dorf habe ein Hexentanz stattgefunden. Das Geschrei davon ging nicht nur landauf - landab durch unsere Grafschaft, sogar bis weit vor die Tore unserer Städte und Dörfer, bis ins „Nidderland“ ist es vorgedrungen, wie mir glaubwürdige Zeugen versicherten. Zum Glück griff seine Hochgräfliche Gnaden sofort ein, um dem teuflischen Spuk ein rasches Ende zu machen.

So wies er seinen Schultheißen Nikolaus Eschermann und den Notar Arnold Funck an, strenge Untersuchungen zu beginnen. Und mich zuerst bestellten sie in die Stube über dem Torbau des Schlosses Blanckenheim und befragten mich, was ich gehört habe und wovon mir Kunde gekommen sei. Und ich gab die Auskünfte, die mir zu Ohren gekommen sind. Hatten gräfliche Gnaden mir doch schon vorher ausdrücklichen Befehl gegeben, Nachforschungen anzustellen.

Ich habe darum den Johann Schäfer, als er mich rasierte, gefragt, was er denn von dem Geschrei wisse, das hier im Dorf umhergehe. Er erzählte, der Anton Leyendecker, der mit ihm auf der gleichen Kammer wohnt, habe bei einem nächtlichen Ausgang gesehen, wie die Hexen um den großen Baum an der Kirche ihren Tanz hielten. Die Hexen seien um ihn herum gesprungen, weil sie wohl meinten, er gehöre zu ihnen. Als er sie laut angeschrieen, sei der Haufe der Tanzenden dann plötzlich mit einem lauten „Hui“ verschwunden. Ganz verschreckt sei der Anton gewesen, regungslos habe er lange da gesessen und ihm erst am folgenden Abend von seinem Erlebnis berichtet. Ich habe dann auch ihn zu mir kommen lassen und genau befragt, was er denn dem Johann erzählt habe. Aber er erklärte mir, er habe dem Johann Schäfer nichts bekannt. Das sei eine gefährliche Sache. Wer davon viel rede, der komme in Schaden und Verdruß. Wenn er davon sprechen würde, „werde man ihm uffsetzig“.

Dann vernahm ich den Heinrich Schmitz, auch er hatte durch den Barbier von dem Gerücht gehört. Der wußte einiges mehr: Die Hexen hätten von dem Baum bis hinter das Haus von Wilhelm Peters getanzt und seien dann verschwunden. Und er habe auch einige, so dabei gewesen, erkannt und ihre Namen genannt: Leute aus „Frederichs“ und „Hasens“ Haus. Als ich aber dann den Johann Schäfer und den Anton Leyendecker noch einmal befragte, wollten sie von alle dem nichts gesehen haben.

Es folgte nun auf dem Schlosse eine Vernehmung auf die andere, um Näheres über den Hexentanz und seine Teilnehmer zu ermitteln. Und das Gerücht breitete sich immer mehr aus. Auf einmal hieß, je zwei Knechte und Mägde aus Gau (= Engelgau) hätten an dem Tanz teilgenommen. Man wollte sogar wissen, die beiden Mädchen seien „stattlich ins Haar gerüstet gewesen“. Eine habe auf einem goldenen Stuhl gesessen, und die Mädchen hätten ihr Haar mit roten Schnüren und grünen Seidenriemen durchflochten. Dann kam das Gerede auf, neun Leute aus drei Häusern wären beim Tanz dabei gewesen. Der Spielmann sei Johann Katzen gewesen. Man kannte sogar die Melodie, nach der er zum Tanz aufgespielt hatte: „Scharlaut, scharlaut“. Und allmählich kam noch viel mehr heraus, was man sich im Dorf erzählte. Eines Tages hing in der Gabelung der Linde ein Pferdekopf. Der Heinrich Juden zog ihn mit einer Haue herab, weil ein solcher Anblick eine Schande sei und für das Dorf eine Unehre gegenüber den Fremden. Es stellte sich dann heraus, daß Balthasar, der Knecht des Landboten, den Kopf in den Baum gesetzt hatte. Er habe das aus Langeweile getan, so erklärte er den Richtern. Der Kopf habe auf der Straße herumgelegen. Weil das große Geschrei von dem Hexentanz überall zu hören sei, hätte er sich gesagt, er müsse den Pferdekopf in die Linde stecken, damit der Hexenpfeifer ihn schnell zur Hand habe, wenn er ihn brauchen könne, um darauf zu pfeifen.

Trotz aller Mühe aber konnte der Schultheiß kein rechtes Ergebnis erreichen. Die Aussagen der Vernommenen waren zu widersprüchlich. Alles hatte sich als Geschwätz herausgestellt. Der Richter belegte zwei Frauen, die leichtsinnig geredet hatten, mit Geldstrafen. Auch konnten einige Fälle von grobem Unfug aufgeklärt werden, den einige junge Burschen verübt hatten. Dafür, daß sie nächtlicherweise ein Pflugrad gelöst und in den Brunnen geworfen hatten, mußte sie eine Geldstrafe zahlen. Und so danke ich Gott und allen Heiligen, daß keine weiteren Verfahren mehr durchgeführt werden mußten. Als dann 3 Jahre später Graf Salentin Ernst seinem Vater nachfolgte und die Herrschaft antrat, war es mit der furchtbaren Zeit der Hexenverfolgung in der gesamten Grafschaft vorbei.



Quellennachweis:
Nach
Heinrich Neu, in: Heimatkalender Kreis Schleiden 1952, S. 92/93
Siehe auch
u.a.: Peter Baales, Die Hex muß brennen, in: Geschichte und Geschichten, 2004, S. 118 ff.
Namentliche (teilw. abweichende) Zusammenstellungen von „Dörfer Hexen“ bringen
Hans-Peter Pracht, täntze, todt und teuffel, Aachen 1991, S. 109/110 und
Herbert Breiden, Hexenprozesse in der Grafschaft Blankenheim, Diss. Bonn 1954
1597: Eva Schöler, Katharina Kleuser, Johanna Schrentzge, Else Johaentges
1614: Helene Bramer, Sibylle Kuhen, Susanne Hansen, Anna Adolphs
1627: Katharina Marxen, Agnes Theis, Laura Hilgers, Cäcilia Lamen, Greta Fegetgen, Mariechen Pfaffers, Guett Cleusers, Margaretha Breuers, Peter Recharts, Margarethe Ilgeten, Nießen Jonas Frau, Margarethe Nießen,
1629: Elisabeth Leusgen, Katharina Britzen, Matthias Jönen, Katharina Pink, Mariechen Stoffels, Johann Schrentzge, Gertrud Stingen, Jonas Theißen, Brigitte Johaentges, Susanne Johaentges, Anna Schäfers, Johann Sypen, Dionysia Pütz
1634: Heinrich Jönen
Hans-Jürgen Wolf, Geschichte der Hexenprozesse, Hamburg 1995, S. 598 ff, unterscheidet in seiner Liste nicht zwischen „Dorff“ und „Dhal“.
Siehe auch auf dieser Homepage: St. Peter und Paul, Kirchenführer, Kap. „Blancio“, ausgew. Daten

Peter Baales
Sept. 2013



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