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27.06.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Von Kußwalzer und Tanzgroschen

Es war Sonntag, der 13. Juni 1971, im Riesen-Festzelt am Ortsausgang in Richtung Bahrhaus gastierten Ernst Mosch und seine Original Egerländer Musikanten anlässlich des Musikfestes in Marmagen. Über den, im Mai 1999 leider verstorbenen „König der Blasmusik“ und sein Ensemble muß nicht erst geschrieben werden, die Welt kennt ihn. Das 2000 Mann-Zelt platzte aus allen Fugen und die Besucher kamen voll auf ihre Kosten. Eins aber störte dennoch den Musikgenuß: Die gewaltigen Lautsprecher ließen Trommelfelle und Zeltwände beben, trugen dafür allerdings auch den Egerland-Sound weit über Marmagens Ortsgrenzen hinaus. 

Gewaltige Lautsprechertürme und aufwendige Elektronik sind heute nun einmal die Voraussetzung für „guten Sound,“ – zumindest sollen sie diese Funktion erfüllen und das musikalische Können der Band in Wattleistung zum Ausdruck bringen. Das tun sie dann auch und nicht zuletzt überbrüllt der Boxenturm jedwedes Misstönchen, das sich beim Live-Auftritt einer Durchschnittsband gelegentlich einschleicht. Ernst Mosch leitete unterdessen keine Durchschnittsband. Der Boxenturm überdröhnt aber auch das Tischgespräch der Saal- oder Zeltbesucher, die sich nur brüllenderweise – und auch dann nur unvollkommen – mit dem Nachbarn zu verständigen vermögen. Wen wundert´s, wenn da mit der Zeit die Besucher „gesetzteren“ Alters etwa beim Kirmesball ausbleiben? Gute Musik erfreut das Zuhörerohr. Sie kann sehr wohl dem modernen Stil entsprechen und „in“ sein. Sie muß aber deshalb nicht röhren und dröhnen. Moderne und trotzdem hervorragende Musik präsentiert beispielsweise die Big Band der Bundeswehr. Hervorragende Musik präsentierten auch die Egerländer, ein paar Watt weniger wären in Marmagen allerdings dem Mosch-Fan lieber gewesen.

Dorfmusikanten

Zur Zeit unserer Eltern spielten die Dorfmusikanten zum Tanz auf. In fast jedem Eifeldorf taten sich ein paar Musikfreunde zusammen und gründeten eine „Musikkapelle,“ die meist auch einen klingenden Namen erhielt. Sich selber aber stuften die Dorfmusikanten selten als „Band“ ein. Dieses Wort nämlich brachten unsere Eltern mit „Jazz“ in Verbindung und der war beim Dorfball nicht willkommen, wurde auch von der Kapelle gar nicht erst einstudiert. Die Musikkapellen jener Zeit hatten absolut nichts mit den organisierten Musikvereinen unserer Tage gemeinsam.

Schon wenige Jahre nach dem Krieg fanden sich in Blankenheimerdorf Josef Schröder, Fritz Schlemmer, Jakob Schlemmer und Heinrich Vossen zusammen, übten monatelang ein paar Musikstücke ein und spielten schließlich bei örtlichen Veranstaltungen zum Tanz auf. Josef Schröder, der Vater von Gerda Pützer, spielte Trompete. Fritz Schlemmer war der Schlagzeuger der Truppe, sein musikalisches Talent hat er seinem Sohn Dieter vererbt. Jakob Schlemmer, Schlemmesch Köbes aus Schlemmershof, besaß einen mittleren Quetschböggel (Knopfakkordeon). Vossen-Hein schließlich, mein Vater, spielte Geige. Die Musik der Vier war gewiß nicht weltbewegend, der Rhythmus stimmte aber und die Leute konnten tanzen. Das alles klappte völlig ohne Verstärker und Boxengedröhn und am Tisch konnte man sich gemütlich unterhalten.

Vaters  "Praktische Violinschule," für den Laien ein Buch mit mindestens "sieben Siegeln" auf 188 dicht bedruckten Notenseiten (Archivbild J. Vossen)Vaters Violinlehrbuch existiert noch: „Praktische Violinschule von Hohmann-Heim“ aus dem Jahr 1891, erschienen im Musikverlag P.J. Tonger in Köln. Vater erhielt das gewichtige Buch zu seinem Namenstag im Juli 1929 von seiner Schwägerin Elisabeth Plützer, unserer Jött, geschenkt, wie aus Vermerken auf Vorsatz und Einband ersichtlich ist. Vater war damals 27 Jahre alt. Irgendwoher hatte er nach dem Krieg ein kleine Violine beschafft, ein „Dreiviertelinstrument,“ und versuchte intensiv, mir das Geigespielen beizubringen, leider ohne durchgreifenden Erfolg, weil er viel zu früh schon 1957 sterben mußte. Seine „große“ Geige war ein echtes Knotz-Instrument, sie existiert nicht mehr, meine Dreiviertelgeige übrigens auch nicht. Vater liebte die Musik, neben der Geige spielte er Klarinette, leidlich auch Akkordeon und sogar ein wenig Saxophon. Seine musikalische Ader ist zwar ein wenig auf mich übertragen worden, mir fehlte aber immer das Durchhaltevermögen und auch die mühsam erlernte Notenkenntnis ist längst wieder abhanden gekommen. Ich kaufte mir beispielsweise im Jahr 1963 ein 3-chöriges Hohner-Akkordeon „Verdi III,“ mit 120 Bässen, drei Bass- und 11 Diskantregistern, – das teure Instrument steht seit Jahrzehnten auf dem Speicher herum.

Nach der kriegsbedingten jahrelangen „Tanzpause“ fand um 1948 als erste Veranstaltung dieser Art in weitem Umkreis, beim Waldcafé Maus in Nonnenbach ein „Tanz im Freien“ statt, der auf Anhieb erfolgreich war und zahlreiche Besucher aus den umliegenden Ortschaften anlockte. Neben der damaligen Jagdhütte war unter hohen Fichten ein Tanzpodium errichtet, Josef Maus bewirtete seine Gäste mit Korn, „Ginsterbier“ und Selterswasser. Hier im Wald gab es, neben Musik, Tanz und Frohsinn, auch zahllose Mücken und ähnliche Plagegeister, und die verhalfen der beliebten Veranstaltung rasch zum Beinamen „Möckeball.“ Aus nah und fern pilgerten die Tanzfreunde nach Nonnenbach, zu Fuß, denn Autos gab es kaum. Der stundenlange Heimweg in lauer Sommernacht, so weiß man heute noch, war reizvoller und vergnüglicher als der eigentliche Tanz. Beim Möckeball aan Muuße spielten damals „die fünf Spatzen“ aus Mechernich, aus ihrem Repertoire sind mir noch „Rosemarie, wann kommst du wieder“ und „Heimat, deine Sterne“ in Erinnerung. Die damalige Jagdhütte beherbergt heute Ferienwohnungen.

Das alte Jagdhaus am Waldrand von Nonnenbach enthält heute moderne Ferienwohnungen (Archivbild Hejo Mies)Tanzgroschen

Zur Zeit unserer Eltern war noch anstelle des Eintrittsgeldes der Danzjrosche (Tanzgroschen) üblich, der sowohl positive als auch weniger angenehme Folgen mit sich brachte, barg er doch die Gefahr in sich, daß ein Tanzabend zum „Ball der Reichen“ wurde. Wer viel tanzen wollte, mußte schon ziemlich Kleingeld mitbringen und das konnten sich nur die Privilegierten erlauben, deren es auch früher in jedem Dorf einige gab. Andererseits wurde es durch den Tanzgroschen auch dem minderbemittelten Dorfburschen möglich, das eine oder andere Tänzchen mit der Angebeteten zu tun, während festes Eintrittsgeld für ihn unerschwinglich gewesen wäre. Mancheiner sparte das ganze Jahr hindurch die wenigen Groschen und Pfennige zusammen, um seinen Schatz beim Kirmesball nicht den „Reichen“ überlassen zu müssen. „Wer den Pfennig nicht ehrt...,“ dieses Wort stammt aus jener armen Zeit.

Mit den Tanzgroschen wurde in der Regel die Musikkapelle bezahlt, was übrig blieb, kam in die Kasse der Veranstalter. Der Groschen wurde bei jedem Tanz in der Halbzeitpause erhoben. Das Einsammeln geschah zur besseren Kontrolle mittels zweier Teller: In den Oberen wurde, für jedes Tanzpaar deutlich sicht- und hörbar, die Münze gezahlt und anschließend durch leichtes Kippen in den unteren Sammelteller befördert. Ein Schummeln war damit ausgeschlossen. Wer viel zu tanzen gedachte, der zahlte gleich zum Ballbeginn eine vom Veranstalter festgelegte Pauschale und erhielt ein Abzeichen, ein Danzbändche (Tanzbändchen), das ihn für den Abend von jeglichen Tanzgroschen befreite. Das war dann schon mit der späteren Eintrittskarte vergleichbar. Die Einnahmen einer Tanzveranstaltung waren weitgehend von der Kapelle abhängig, es galt in jedem Fall, durch möglichst zahlreiche Tänze entsprechend zahlreiche Tanzgroschen zu vereinnahmen. Eine „müde“ Kapelle war da fehl am Platz, „kurze Tänze, kurze Pausen“ lautete die Devise schon im eigenen Interesse, da die Musikanten ja von den Tanzgroschen „lebten.“ Heute sieht das ein wenig anders aus.

Damals wie heute regierte das Geld die Welt, damals wie heute schied das krasse „Gefälle“ zwischen Arm und Reich auch die Bevölkerung des Eifeldorfes in zwei Kategorien. Wer Geld besaß, der erlaubte sich, was immer ihm in den Sinn kam. Wer nur Pfennige sein Eigen nannte, der durfte den Reichen beim Prassen zuschauen. Eine Erzählung aus dem Ahrtal (Gesammelte Volkserzählungen, Geibel Verlag Altenburg 1907) mit dem Titel „Das Mailehen“ berichtet, wie ein armer Bursche aus Ahrweiler sein Maimädchen an den reichen Hofbauernsohn abtreten musste, weil er mit seinem wenigen Ersparten beim traditionellen Versteigern nicht mithalten konnte. Die Erzählung ist ein Zeitdokument aus den Jugendjahren unserer Eltern.

Das Mailehen dokumentier das "Gefälle" zwischen Arm und Reich, ein Gesellschaftsbild aus den An-fängen des 20. Jahrhunderts (Archivbild J. Vossen)In jedem Dorf gab – und gibt – es die örtliche „Prominenz,“ die sich vom „niederen Volk“ gerne ein wenig distanziert. Aus Erzählungen meiner Eltern ist mir bekannt, das in Blankenheimerdorf beispielsweise am Kirmesdienstag das Gästezimmer im Hotel Friesen für die Begüterten oder auch für diejenigen, die begütert zu sein vorgaben, reserviert war. Im Speisezimmer nämlich, das durch eine Trennwand zum Saal hin geöffnet werden konnte, herrschte Weinzwang und den konnte sich der Normalbürger nicht leisten. Das war auch gar nicht erwünscht, denn die Prominenz wollte ungestört unter ihresgleichen Kirmes feiern. Wie wertvoll damals eine Flasche Wein war, ist ebenfalls überliefert: Am Kirmessonntag begann der Ball bereits um 17 Uhr nachmittags. Damit zu diesem frühen Zeitpunkt auch schon Besucher kamen, spendierte der Dörfer Kirmesreih dem ersten, im Saal erscheinenden Tanzpaar eine Flasche Rebensaft. Damit würde man heute den berühmten „Hund“ nicht hinter dem Ofen hervor locken, damals war es ein echter Anreiz.


Rheinländer und Tango

Die Tänze damals ? Wiener Walzer selbstverständlich, Polka, Marsch, Rheinländer, Schieber und Schottisch als althergebrachtes und gewohntes Standardgut. Foxtrott, Charleston, Swing, Slowfox und English Waltz waren da schon etwas moderner und auch die fremdländischen Namen machten sich gut im Repertoire der Musikkapelle. Ein Klassiker des English Waltz (langsamer Walzer) war beispielsweise „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ sowie „Vaya con Dios.“ Beim Walzer war es „Wiener Blut“ oder auch der „Kuckuckswalzer,“ bei den Rheinländern gehörte unabdingbar der „Bummelpetrus“ (Petrus schließt den Himmel zu) an die Spitze, neben dem Kölschen Ohrwurm „Zillekovens Chreß“ (saad hat ihr minge Mann nit jesinn). In den 1950er Jahren kam bei uns als Neuheit die Hawaii-Musik auf, die auf Anhieb zum Renner wurde. Eine der ersten Kapellen mit Hawaii-Gitarre waren bei uns die „Burgschwalben“ aus Reifferscheid. Die singende Hawaii-Gitarre wurde durch die Hammond-Orgel weitgehend abgelöst, die in den 1970er Jahren zum Renner wurde. 

Und dann war da noch der Tango, der noch in den Nachkriegsjahren hoch im Kurs stand, der aber mit dem Aufkommen von Rock `n Roll und offenen Tanzformen in die Kategorie der „Schleicher und Schnulzen“ gesteckt wurde und geradezu verpönt war. Ein Muß für jede Musikkapelle war damals unter anderem der Tango „Ole Guapa,“ den auch der in 2002 verstorbene Geigenvirtuose Helmut Zacharias auf seiner „Zaubergeige“ vertont hat, ebenso wie Albert Vossen auf seinem Pianoakkordeon. Und wenn „Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein“ gespielt wurde, wenn der „Blue Tango“ erklang oder die Caprifischer „aufs Meer hinaus“ zogen, war der Saal in Schmusestimmung. Der Tango ist ein Standardtanz und auf jedem Turnierprogramm zu finden, nicht zuletzt zählt er auch zu den 15 Tänzen des Welttanzprogramms. Ein beliebter alter Tango fällt mir gerade ein: „Es wird in hundert Jahren wieder so ein Frühling sein.“ Der Tango, von Profis vorgetanzt, ist ein optischer Genuß. Der Tango war einer meiner Lieblingstänze.

Kirmes 1948 in Blankenheimerdorf. Die Tanzkappelle spielte auch die Straßenmusik bei den Umzügen (Repro J. Vossen)Auch das „Schwalbenlied“ (Mutterl, unterm Dach ist ein Nesterl gebaut) war in der Nachkriegszeit ein beliebter Tango und fehlte auf keinem Ball. Es war unter anderem der Leib- und Magenschlager des Gastwirts und Taxiunternehmers Peter Breuer aus Ripsdorf. Das war den Musikkapellen an unserer Oberahr bekannt, wenn „Breuer-Pitter“ beispielsweise in Ahrhütte den Tanzsaal betrat, erklang unverzüglich zur Begrüßung das Schwalbenlied und das trug dann den Musikanten eine Spendierrunde ein.

Das Wort „Tango“ ist dem lateinischen Zeitwort „tangere“ entnommen und bedeutet wörtlich „ich berühre.“ Das deutet auf die eng geschlossene Tanzweise des Tango hin. In den 1950er Jahren hielt die Tanzschule Bert Müller aus Köln alljährlich bei uns und auch in anderen Ortschaften mit geeignetem Saal, einen Tanzkursus ab. Bei uns war das im damals noch benutzten Saal Buhl op dr Tröüt (am Treuter Weg). Wir waren so um die 12 bis 15 Paare und alle sehr schüchtern, hielten also auch entsprechenden „Abstand“ zueinander. Beim Tango stupste uns daher der Tanzlehrer kräftig gegeneinander und meinte: „Da darf kein Gras mehr zwischen wachsen.“ Dabei strich er mit der flachen Hand zwischen uns her, was ihm auf der weiblichen Seite offensichtlich besonderes Vergnügen bereitete. Wer will es ihm verdenken?

Nach erfolgreichem Kursus endlich des Tanzens „mächtig,“ versäumte man nach Möglichkeit in der näheren Umgebung keinen Kirmesball und schon gar nicht im eigenen Dorf. Einmal hatte ich gleich zum Ballbeginn eine reizende Tänzerin „ergattert“ und stellte hocherfreut fest, daß sie es nicht ungern sah, wenn ich sie zu fast jedem Tanz aufforderte. Sie selber holte mich sogar zur Damenwahl und beim Kusswalzer wagten wir ein hauchzartes Schmatzerchen. Die Aussichten standen gut, der Abend schien erfolgreich zu werden. Um mit Friedrich von Schiller in der „Glocke“ zu sprechen: „Das Auge sieht den Himmel offen…“ Der Dichter stellt aber auch nach wenigen Zeilen bereits fest: „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein e´wger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell.“ Genau diese Erfahrung mußte ich machen. Sie tanzte ausgezeichnet, beim Walzer lag sie wie eine Feder in meinem Arm, wir bewegten uns am Rand der Tanzfläche, weil da ein wenig mehr Platz war, den man für einen ordentlichen Walzer ja braucht. Am Bühnenaufbau wurden wir jäh aus unserem „Walzertraum“ gerissen. Da war eine hässliche rauhe Bretterkante, an der sich das duftige Ballkleid verhakte. Fast wären wir gestürzt, im hellblauen Kleiderstoff klaffte ein fingerlanger Riß und aus den zuvor noch strahlenden Augen kullerten Tränen. Sie wohnte in der Nähe des Tanzlokals, als sie vom Kleiderwechseln zurück war, hat sie nicht mehr mit mir getanzt.

Die Musikkapelle Uedelhoven im Jahr 1927 (Repro J. Vossen)Zur Zeit unserer Eltern verging kein Tanzabend ohne wiederholte Einlagen von Quadrille oder Lancier. Die beliebten Gesellschaftstänze waren französischen Ursprungs, heute vermag kaum noch einer sie originalgetreu zu tanzen, ich selber habe sie schon gar nicht mehr gelernt. Es gab aber auch noch nach dem Krieg überall in den Dörfern Senioren, die als echte Experten mit der Dorfjugend Quadrille und Lancier bis zur Perfektion einstudierten. Bei uns in Blankenheimerdorf waren dies unter anderem Peter Schlemmer („Manns Pitter“), Anna Rosen („Konsums Ann“) und Nikolaus Görgens („Kuhle Klööß“). 


Kusswalzer und Damenwahl

Geradezu herbeigesehnt war beim Eifeler Tanzabend der Kusswalzer. Hier nämlich bot sich die Gelegenheit, der oder dem heimlich Verehrten öffentlich die Zuneigung zu bekunden. Freilich gab es zuweilen auch böses Blut, wenn sich der verhasste Rivale beim Kusswalzer allzu intensiv in fremdem „Revier“ betätigte. Nicht selten kam es aus eigentlich nichtigem Anlass zu tätlichen Auseinandersetzungen und angeschlagenen Knochen.

In „Eifeler Bräuche“ (Dettmann/Weber) ist der Kusswalzer folgendermaßen beschrieben: „Die Tänzerinnen und Tänzer bilden einen Kreis, in dem dann ein Herr mit einem Kissen rundtanzt. Dieser Herr legt schließlich einer Dame das Kissen zu Füßen, die sich dann zu einem Kuss `herablassen´ muß. Danach tanzt die Dame rund und sucht sich ihren Herrn zum Wechseln. Eine Dame, die dem sie verehrenden Herrn den Kuss verweigert, ihm also einen Korb gibt, durfte früher den ganzen Abend nicht mehr, heute nur noch den nächsten Tanz nicht mehr mittanzen.“ Die Sitten waren streng. Was einem Herrn in derselben Situation drohte, ist zumindest mir nicht bekannt. Der Kusswalzer war allenthalben beliebt, durfte man doch hier ganz legal unter den Augen der ehelichen Aufsicht eine fremde Frau küssen.

Ganz früher gab es eine weitere Form des Kusswalzers, ein so genanntes „Tanzspiel.“ Während ein Walzer getanzt wurde, malte der „Tanzmeister“ mit Kreide ein riesiges Herz auf den Boden. Unvermittelt setzte dann die Musik aus. Alle Paare, die sich zu diesem Zeitpunkt im Herz befanden, waren „verzaubert“ und durften erst weiter tanzen, nachdem die Herren ihre Damen mit einem (Hand-) Kuss erfreut hatten. (Quelle: rosenherz.twoday.net/stories)

Unser Kusswalzer hätte es verdient, daß er auch heute gelegentlich einmal wieder zur Geltung käme. Die Paare mussten sich für ihre Kussaktion aufs Kissen knien, je kleiner das Kissen war, desto enger mußte man zusammenrücken, was naturgemäß nicht ohne Reiz war. Der Tanz an sich begann als ganz normaler Walzer. Nach ein paar Takten verkündete dann der Kapellmeister: „Kusswalzer.“ Schleunigst wurde der große Kreis auf der Tanzfläche gebildet und aller Augen harrten der Genüsse, die sich da auftun würden. Ein Kusswalzer dauerte je nach Anzahl der Teilnehmer 10 bis 15 Minuten.

Die Uedelhovener Musikanten im Jahr 1956 (Repro J. Vossen)Im Dezember 1976 wurde in unserer belgischen Partnergemeinde Sint Stevens-Woluwe (heute Zaventem) die neue Turnhalle eingeweiht. Mit unserem damaligen Bürgermeister Toni Wolff war auch ich als deutscher Berichterstatter eingeladen. Beim abendlichen Festball wurde der „Küsschentanz“ gespielt, den unsere flämischen Freunde damals noch begeistert pflegten. Er ist mit unserem Kusswalzer vergleichbar mit dem Unterschied, daß in Belgien gleich dreimal geschmatzt wird, durchweg natürlich auf die Wange. Links - rechts - links, je nach dem Standpunkt des Betrachters verschieden, die Regel habe ich eigentlich nie richtig begriffen, ich ließ mich einfach von der Kusspartnerin „führen.“ Das war eine fröhliche Schmatzerei! Als Gäste waren Toni und ich naturgemäß „ausgebucht,“ einmal im Kusskreis, gab es kein Entrinnen mehr, die flämische Damenwelt hielt uns eisern im Griff und als dankbarer Gast mußte man sich ja dann revanchieren. Das dauerte seine Zeit und Luisa Bliki-Ackermans, die mich in den Kreis hinein gelotst hatte, grinste sich eins. Es war aber schön.


Eine vom Veranstalter gerne wiederholte Tanzeinlage war früher die Damenwahl. Wer auf der Herrenseite bei solcher Gelegenheit „sitzen blieb,“ der sammelte Schande auf sein Haupt. Für den Veranstalter war die Damenwahl in sofern interessant, als hierbei in der Tanzpause der Sammelteller rundgereicht wurde. Das war auch später noch üblich, als der Tanzgroschen schon abgeschafft war und Eintrittsgeld erhoben wurde. Die „auserwählten“ Herren zeigten sich in Anbetracht der ihnen zuteil gewordenen Ehre meistens nicht knauserig und so kamen beim Ballveranstalter eine Menge hochwillkommener Zusatzgroschen in die Kasse. Die Damenwahl bot Gelegenheit, dem Tanzpartner persönliches Entgegenkommen zu bekunden, oder aber auch eine deutliche und für jeden Anwesenden sichtbare Abfuhr zu erteilen.

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