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27.06.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Die Sache mit dem Destelsmetz

Was ist das, ein Destelsmetz? Ganz einfach: Destel ist das Eifeler Dialektwort für die Distel und ein Metz ist das hochdeutsche Messer. Das Destelsmetz ist somit schlicht ein „Distelmesser“, mit dem freilich heutzutage kaum noch jemand etwas anzufangen weiß, das aber zu meiner Kinderzeit bei uns daheim eine ganz spezielle Funktion besaß : Distelstechen. Unser Destelsmetz war ein altes Brotmesser, etwa 30 Zentimeter lang, mit ursprünglich breiter Klinge, die aber durch jahrzehntelangen Gebrauch und zahllose Schärfvorgänge abgenutzt und spitz zugeschliffen war. Das Metall war total verrostet, der Holzgriff ausgelaugt und rissig. Aufbewahrungsort war eine Nische in der Bruchsteinwand der Scheune. Dort hatte auch das etwa gleichartige Kolerawemetz (Rübenmesser) seinen Platz. Unser altes Destelsmetz hat mich einmal vor bedeutendem Unheil bewahrt.

Destele steiche (Distelstechen) war bei uns generell im frühen Frühjahr an der Tagesordnung, wenn sich im noch wintergrauen Gras die ersten jungen Wiesendisteln zeigten. Die zarten Pflanzen wurden ausgestochen und waren eine Spezialnahrung für unsere Tiere bei besonderen Anlässen, etwa für Kuhmutter Schwitt, wenn sie mal wieder ein Möckelche (Kälbchen) zur Welt gebracht hatte und zu neuen Kräften kommen mußte. Auch in der Schweinemast spielten Wiesendisteln eine Rolle. Die beim Bauersmann wenig geliebten Stachelpflanzen wurden eimerweise gesammelt und in kochendem Wasser abgebrüht. Dabei verloren sie ihre Stechkraft, wurden weich und waren als Kraftfutter bei den Tieren höchst willkommen. Ähnlich verhält sich bekanntlich die Brennessel, die uns ein wohlschmeckendes und obendrein äußerst gesundes Gemüse für den Mittagstisch liefert.

In meiner Kinderzeit unterhielt die Post im Haus Manstein in Nonnenbach eine kleine Nebenstelle, die aber alle wichtigen Postfunktionen erfüllte. Aan Krengs (ortsüblicher Hausname) stand auch das einzige Telefon des Dorfes, allgemein „die Öffentliche“ genannt. Das Postbüro lag an der Giebelseite des Hauses und wurde von Krengs Cillche (Cäcilia) geführt, die neben ihrer Hausfrauenarbeit auch die Postgeschäfte erledigte. Ihr Schalter war das zur Straße hin niedrig gelegene Fenster, das auch für uns Kinder gut erreichbar war. Briefe oder Pakete aufgeben oder abholen, das alles erledigte man während der „Dienststunden“ bei Krengs Cillche am Freiluft - Postschalter, dafür mußte man nicht ins Haus. Das war praktisch, bei schlechter Witterung allerdings auch ziemlich unangenehm.

Viele Nonnenbacher holten ihre Post selber ab und ersparten Cillche dadurch manchen Zustellergang. Gegen 11 Uhr morgens kam das gelbe Postauto von Blankenheim und belieferte unseren kleinen Ort. Vom Klassenzimmer aus war das Fahrzeug zu sehen und unser Lehrer Josef Gottschalk schickte einen von uns Schülern los: „Johannes, geh mal die Post holen“. Das war an der Tagesordnung, Krengs Cillche hatte de Poss für dr Liehrer schon am Schalterfenster bereitgelegt. Wir Kinder aus Schlemmershof holten unsere Post nach der Schule ab, ich meine, das war um 12,30 Uhr. In unserer Nachbarfamilie Klinkhammer gab es keine schulpflichtigen Kinder, für Kaue (Hausname) holte also ich die Briefe und Karten mit und stellte sie auch zu. Das war damals bei uns üblich und wurde von allen Beteiligten gutgeheißen, heute wäre es ein geradezu unmöglicher Zustand.

Josef Gottschalk  Lehrer in Nonnenbach von 1934 bis 1950 (Foto Hildegard Klaßen - Gottschalk)Am meisten begrüßte Krengs Cillche meinen freiwilligen Posthilfsdienst, denn ihr blieb dadurch der relativ weite Zustellergang nach Schlemmershof erspart. Kaue selber erhielten ihre Post ins Haus gebracht und waren ebenfalls zufrieden. Zufrieden hätte eigentlich auch ich sein können, denn Kaue Tant (Emma Klinkhammer, die Hausfrau) steckte mir gelegentlich einen Groschen oder eine Süßigkeit zu und zu Ostern gab es immer ein paar bunte Ostereier für mich. Grundsätzlich war ich auch zufrieden, es gab da aber eine gewisse „Gefahr“, der ich täglich zu begegnen hatte und die mir nicht unerhebliche Sorgen bereitete. Diese Gefahr hieß „Stropp“ und war der große, fast schwarze und recht „giftige“ Hund von Kaue.

Jeder Postbote kann ein Lied von angriffslustigen und beißwütigen Haus- und Hofhunden singen. Ich war zwar kein Briefträger, trug aber Papiere in der Hand und das muß wohl den giftigen Stropp aufgeregt haben. Wenn er angekettet war, vollführte er bei meinem Anblick einen Heidenspektakel und wäre seine Hütte nicht im Boden verankert gewesen, er hätte sie über den Hof geschleift. Oft aber lief er frei herum und dann wurde die Lage kritisch. Dann hielt ich mich so lange in gebührender Entfernung, bis jemand von Kaue erschien und den tobenden Hund beim Halsband nahm.

In diesem Zusammenhang fällt mir meine Ausbildungszeit bei der Bundesbahn ein. Im Herbst 1955 absolvierte ich einen achtwöchigen Lehrgang in der damaligen Bundesbahnschule Großkönigsdorf (heute Frechen - Königsdorf) mit abschließender Assistentenprüfung. Zum „Inventar“ der Schule gehörte ein großer Mischlingshund namens Bully, vor dem der Königsdorfer Briefträger noch mehr Respekt hatte als ich vor Kaue Stropp. Bully konnte genau zwischen der blauen Postuniform und der ebenfalls blauen Bahndienstkleidung unterscheiden. Aus welchen Gründen auch immer, - beim Anblick des Briefträgers wurde das Tier wild, vom uniformierten Bundesbahner ließ es sich streicheln. Bully war der Liebling der gesamten Schule, er verstand sich unter anderem auf das Aufklinken der Türen und besuchte uns regelmäßig während des Unterrichts, was bei Schülern und Lehrern als selbstverständlich angesehen wurde. Ein Beispiel für Bullys Beliebtheit: Ein Lehrgangsteilnehmer versetzte dem Tier einen Fußtritt, - und wurde postwendend von der Schule verwiesen. Als wir bei unserer Ankunft im Hof aufmarschiert waren und den Begrüßungsworten des Schulleiters lauschten, kam Bully zu jedem einzelnen von uns, ließ sich streicheln und war ganz brav, obwohl er uns alle noch nie gesehen hatte. Es war, als wolle das Tier uns willkommen heißen. Der Schulleiter hieß übrigens Plützer und stammte aus unserem Gemeindeort Mülheim.

Es war irgendwann im Frühjahr, vermutlich anfangs der 1940er Jahre. Nach der Schule wurde ich mit Eimer und Destelsmetz zum Distelstechen ins Lohr (Flurname) geschickt und hatte auf diesem Weg an Kaue die Post abzuliefern. Aus dem Hof heraus schoß die brüllende Bestie auf mich zu und bevor ich noch „stiften gehen“ konnte, schnappte das Wolfsgebiß nach meiner Hüfte. Dort steckte das rostige Destelsmetz in meiner Hosentasche, ragte handbreit hervor und die Spitze fuhr schmerzhaft in den klaffenden Rachen des Untiers, das heulend von mir abließ und in seiner Hütte verschwand. Kaue Stropp hat mich seitdem nie mehr angefallen, wenn er mich kommen sah, schlich er mit eingezogenem Schwanz davon. So hat mich unser altes Destelsmetz von einer ständigen Gefahr befreit.

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