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20.06.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Wie Pfingsten auf Ostern fiel 

Fast in jedem Eifeldorf gab es früher Personen, die wegen ihrer Originalität mit der Zeit zum Markenzeichen ihrer Ortschaft wurden und deren Namen auch in der Nachbarschaft guten Klang besaßen. Oft waren es wandernde Handwerker oder Hausierer, die überall gerngesehen waren. Solch ein Husierer bereiste noch nach dem Krieg die halbe Eifel. Seinen Namen kannte kaum jemand, allenthalben aber war er als der Stotzemer ein Begriff für Qualitätsware und fairen Handel. Seinen „Firmennamen“ verdankte der stets gut gelaunte Bauchladenhändler seinem Wohnort Stotzheim (Stadt Euskirchen). Originale waren auch die Nerother, reisende Händler aus der Ortschaft Neroth (Verbandsgemeinde Gerolstein), die geradezu wandelnden Drahtwarenläden glichen: Sie verkauften aus Draht hergestellte Haushaltsgegenstände jeglicher Art, unter anderem Mausefallen. Die Händler reisten auch ins Ausland und verhalfen ihrer Ortschaft zum Beinamen „Mausefallendorf“. Die Drahtwaren wurden in Neroth in Heimarbeit hergestellt, heute gibt es dort als Besonderheit ein Mausefallenmuseum.

In aller Regel zeichneten positive Eigenschaften das Eifeler Original aus, ständiger Humor etwa, Mutterwitz, Schlagfertigkeit und auch ein wenig Bauernschläue. Seltener waren negative Merkmale vorhanden, beispielsweise bei Kaue Patt, einem Nachbarn aus meiner Kinderzeit. Der alte Junggeselle nörgelte an allem herum, wegen seiner andauernden Meckerei nannten wir ihn Knotterdöppe.

Auch ein Original, zugleich aber eine markante Persönlichkeit, war Johann Leyendecker, der letzte Bürgermeister von Blankenheimerdorf (1948 bis zur kommunalen Neuordnung 1969). Als Leyendeckesch Schang war er an der Oberahr und in Verwaltungskreisen ein fester Begriff. Im Dörf selbst nannte man ihn einfach Schang, der Familienname war nicht erforderlich, denn einen zweiten Schang gab es weit und breit nicht. Ein sehr häufig anzutreffendes Relikt aus der Franzosenzeit ist im Eifeler Dialekt die „Verdeutschung“ des französischen Namens Jean, wobei Schäng eigentlich die Regel ist. Diese Regel war aber auf eine Persönlichkeit wie Johann Leyendecker nicht anwendbar, Leyendeckesch Schäng, – einfach unmöglich.

Im und nach dem Krieg wohnte in Blankenheimerdorf eine ältere Dame aus Köln. Ihr Familienname war Martin, an ihren Vornamen erinnert sich heute niemand mehr. Ihr ortsüblicher „Firmenname“ dagegen ist der älteren Generation auch heute noch geläufig: De Eierschängs. Frau Martin handelte mit all den Dingen des täglichen Bedarfs, die im Eifeldorf während der schlimmen Jahre kaum zu kriegen waren. In der „Maggelzeit“ beispielsweise gab es bei ihr noch echte „Eckstein“ und „Overstolz“ zu kaufen. Frau Martin versorgte unter anderem ihre Kundschaft auch mit den ersten primitiven Nachkriegs-Benzinfeuerzeugen nebst den so kostbaren Feuersteinen. Die resolute Dame war eine clevere, aber allenthalben beliebte Geschäftsfrau, für ihre Waren nahm sie gerne Lebensmittel entgegen und das trug ihr wohl die Bezeichnung „Eierschängs“ ein. Sie zählte unterdessen keinesfalls zur Kategorie der „Hamsterer.“ Auch de Eierschängs war auf ihre Art ein Original.

Ein Dörfer Original, das Seinesgleichen sucht, war vor gut 100 Jahren Stombs Wellem (Wilhelm, Stombs = Hausname), über den vielerlei Anekdötchen überliefert sind. Er war Schuster von Beruf, zog mit seinem Handwerkszeug über die Dörfer und reparierte das Schuhwerk der Eifelbauern direkt vor Ort gegen Kost und Logis und einen bescheidenen Lohn. Er besaß einen unverwüstlichen Humor und konnte stundenlang Geister- und Schauergeschichten erzählen, die er alle selewer erlevv (selber erlebt) haben wollte. Die Zuhörer kannten aber „ihren“ Wellem und ermunterten ihn zu immer neuen Geschichten. Wenn der Wanderschuster ins Dorf kam, sprach sich das in Windeseile herum: „Stombs Wellem es do, hök Oovend kreje mir jät ze laache“ (heute Abend kriegen wir was zu lachen). Abends versammelte man sich bei einer Flasche Brandeweng (Branntwein, Schnaps) um Wellem, der bald „im Element“ war und bis tief in die Nacht seine Geschichten zum Besten gab.

Eine dieser Spukgeschichten ist noch heute bekannt. Wellem hatte eine Woche lang in Waldorf gearbeitet und wanderte am späten Samstagabend durchs Ripsdorfer Eichholz heimwärts nach Blankenheimerdorf. Er hatte etwas tief ins Glas geschaut und sah plötzlich mitten im Wald eine weiße Gestalt vor sich. Mutig schwang er seinen deftigen Wanderstock, bekreuzigte sich und rief: „Bist du von Gott, so sprich, bist du vom Teufel, so wich (weiche)“ und schritt auf die Gestalt zu, fand aber nur einen morschen Weidenstumpf. Trotzdem war er überzeugt: „Hie wor et, hie os et en de Erd jefahre“ (Hier war es (das Gespenst), hier ist es in die Erde gefahren). Und wer ihm das nicht glauben mochte, dem wollte er die Stelle zeigen.

Eines Tage hatte Nachbar Jannespitter unerträgliche Zanntpeng (Zahnschmerzen). Wellem band einen Peichdroht (Pechdraht, starker Zwirnfaden zum Verbinden der Schuhsohle mit dem Oberteil) an den kranken Zahn, das andere Ende wurde am Tischbein befestigt. Jannespitter mußte sich so aufstellen, daß der Faden gespannt war. Wellem griff sich die spitze Süül (Ahle) und stach Jannespitter unvermittelt ins Hinterteil. Der Gepeinigte machte einen erschrockenen Satz und der Zahn hing am Peichdroht. Jannespitter rieb sich die lädierte Sitzfläche und meinte: „Dunnerkiel, ech häv net jedääch, dat dä Zannt esu en deef Wuezele hät“ (Donnerwetter, ich hätte nicht gedacht, daß der Zahn so tiefe Wurzeln hatte).

Mit den Jahren wurde das Wandern beschwerlich, Wellem gab die Schusterei auf und wurde Nachtwächter von Blankenheimerdorf. Statt der Hellebarde führte er seinen deftigen Wanderstock mit sich und das Tutehorn ersetzte er durch eine Trillerpfeife, mit der er den Stundenablauf verkündete. Bei ihm war stets sein treuer Hund Karo. Auf seinen „Kontrollgängen“ wachte Wellem über das Wohl des Dorfes, achtete vor allem auf Brand oder Einbrecher und schaute auch in den Ställen nach dem Rechten, wenn etwa eine Kuh vor dem Kalben stand. Nicht zuletzt hatte er die an verschiedenen Stellen platzierten Petroleumlampen zu überprüfen und hier spielten ihm die Dorfburschen gelegentlich ein Schellemstöck (Schelmenstück, Bubenstreich), indem sie Wasser in den Lampentank gossen. Dann geriet Wellem mit dem Dorfladenbesitzer aneinander, weil der ihm miserable Stejnollech (schlechtes Petroleum) angedreht habe. Nur etliche Schnäpse waren schließlich dazu in der Lage, den gerechten Zorn des dienstbeflissenen Nachtwächters beizulegen.

Ein spendierter Schluck zur rechten Zeit wirkte bei Stombs Wellem Wunder. Er hatte sich höchst eigenmächtig den Titel eines Ortspolizisten zugelegt und handelte danach. Wenn er abends auf seinem Kontrollgang noch Licht in der Kneipe sah, erschien er am Tisch der späten Zecher: „Jonge, ihr woßt wahl noch net, dat Fierovend os?“ (Ihr wisst wohl noch nicht, daß Feierabend ist). Und weil die Runde ganz erstaunt tat, sprach Wellem ein Machtwort: „Dann beden ech hiemot Fierovend“ (Dann gebiete ich hiermit Feierabend). Die Kneipengäste verlegten sich auf Bitten: „Wellem, bos doch net esu sträflich, dohn e Ouch zoo, komm dronk eene mot“ (Sei doch nicht so streng, drück ein Auge zu, trink Einen mit). Zu Einem ließ sich der gestrenge Ordnungshüter überreden, erklärte aber nachdrücklichst: „Ihr moot äwwer net mejne, dat dat Beamtenbestechung wär“ (Ihr müsst aber nicht meinen, daß...) Aus dem Einen wurden in aller Regel Viele und die fröhliche Runde tagte bis in den frühen Morgen.

Das mit Abstand schönste Stöckelche (Anekdötchen) von Stombs Wellem ist zweifellos die Geschichte, wie einmal in Blankenheimerdorf Pfingsten auf Ostern fiel. Mit etlichen Kumpanen hatte Wellem op Uësterdaach (an Ostern) in der Dorfkneipe ausgiebig die Auferstehung des Herrn gefeiert und machte sich unsicheren Fußes auf den Heimweg. Vor der Kneipe geriet er ungewollt mit der Kulang (Straßenrinne) in Berührung, rappelte sich aber hoch und erschien freudestrahlend wieder bei den Zechbrüdern am Stammtisch: „Jonge, höck os jät passiert, wat noch nie dojewäes os, höck os Pengste op Uëstere jefalle“ (Jungs, heute ist etwas noch nie Dagewesenes passiert, heute ist Pfingsten auf Ostern gefallen). Diese Behauptung stimmte haargenau: Stombs Wellem hieß mit gut bürgerlichem Namen Wilhelm Pfingsten.

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