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20.06.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

 Wer wurde in unserer Kirche begraben?

 (Überarbeitung eines Beitrages im „Dörfer Heimatboten“, Heft 32)

Von Peter Baales, Lehrer i.R.

 In einer kleinen Schrift „Aus der Geschichte der Kirche Blankenheimerdorf“ schrieb Pfr. Ewald Dümmer (Pfarrer bei uns von 1960 bis 1988): „Im 15. Jhdt. wurde die Pfarrkirche erneuert unter Verwendung der alten Mauern und zwar von den Grafen von Are, die in dieser Kirche ihren Begräbnisort gehabt haben.“ Dieser Satz ist mir schon immer etwas merkwürdig vorgekommen, da für ihn keinerlei Beweise angeführt werden - und offenbar auch nicht vorliegen. Die Grafen von Are werden 1126 zum ersten Mal urkundlich erwähnt und erbauten u.a. die Burg Are über Altenahr. Wie und warum sollen die in unserer Kirche ihren Begräbnisplatz gefunden haben? Dümmer beruft sich offensichtlich auf Johannes Becker, der in seiner „Geschichte des Dekanates Blankenheim“ (Köln, 1893, S. 284) schreibt: „Das heutige Blankenheimerdorf wird, wie der größte Teil der Eifel, den Grafen von Are gehört haben.“ Dann berichtet er über den Fund, der bei den Arbeiten zum Neubau des Kirchturms gemacht wurde: „Im Mai 1852 fand man an der Stelle, wo der alte Turm gestanden, in 5 Fuß Tiefe ein Grab, enthaltend eine Gehirnschale und ein Menschengerippe, Reste einer steinernen Urne und sechs silberne Denkmünzen mit der Inschrift Maria, Herzogin von Burgund, Gräfin von Flandern, 1477 und zwei mit Ludwig von Bourbon, Bischof von Lüttich, Herzog von Burgund, 1481.“ Die Kirche wurde damals „um die Breite der Bühne“, wie Pfr. Horbach (1857 - 1864) in der Pfarr-Chronik schreibt, nach Westen erweitert. Das Grab mag sich also etwa unter der Vorderkante der heutigen Orgelempore befunden haben. Standen die Funde in direktem Zusammenhang mit den hier Begrabenen, oder deuten die gefundenen Münzen nur die Zeit an, in der die hier Bestatteten gelebt haben?

Wer wurde in unserer Kirche begraben?

 Diese Frage hat in der heimatgeschichtlichen Literatur bisher nur Rätselraten ausgelöst, und auch Joh. Becker kann keine endgültige Lösung anbieten. „Der Umstand, daß das Gerippe unter dem (damals abgerissenen) Turme, also am Eingang, aufgefunden wurde sowie die sorgfältige Aufhebung der Leiche und die beigelegten Gedenkmünzen sprechen dafür, daß wir es hier mit einer vornehmen Person, vielleicht sogar mit dem Stifter der Kirche zu tun haben.“ Auch er hat für diese Vermutung keine Beweise. Es ist wohl anzunehmen, daß man die gefundenen Gebeine damals wieder an Ort und Stelle beigesetzt hat. Becker sagt dazu nichts. Bekanntlich wurde bei der letzten Generalrenovierung im Jahre 1991 der Boden der Kirche tiefgründig ausgehoben. Ob man da etwas gefunden oder überhaupt darauf geachtet hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Eher wohl nicht.

 Ich kann nun für die obige Frage eine neue Lösung anbieten, und diese führt in die Geschichte eines anderen, wenig bekannten Eifeler Rittergeschlechtes, in die Geschichte der „Krümmel von Nechtersheim“. (Wer ausführlicher informiert sein möchte, mag darüber in dem Buch „Unser Dorf: Nettersheim“, 1992, ab Seite 18 nachlesen.) M. Konrads (Manscheid) wies mich auf einen Aufsatz des verdienstvollen Eifeler Heimatforschers Nicola Reinartz hin, der 1954 als Pfarrer von Kreuzweingarten starb und sich, neben vielem anderen, auch ausführlich mit diesem Rittergeschlecht beschäftigt hat. ( In: „Annalen des Historischen Vereins für den Niederrhein“, Heft 139, Düsseldorf 1941, S. 1 ff.) Für die Frage des in unserer Kirche aufgefundenen Grabes enthält diese Arbeit bemerkenswerte und bei uns nicht bekannt gewordene Aussagen. Und vor allem führen sie uns zu den Jahren, die auf den in dem Grab in der Kirche gefundenen Gedenkmünzen genannt sind.

 In einer Urkunde aus dem Jahre 1509 (Reinartz S.26), vermachte Heinrich von Nechtersheim aus den Einkünften des ihm gehörenden Freilinger Hofes zu Zingsheim der Pfarrkirche zu Blankenheim (-Dorf), da myn vader ind moder seligen begraven ligent“ zwei Malter Spelz für den „schoelmeister“ und ein Malter Hafer für den Pastor, „umb nu hynvort alle dage des aventzs zu vier uren in der vurgen kirchen zo syngen unser lieven frauwen loff na heischonge und behoerunge der zyt“ (=um in Zukunft an allen Tagen des Advent um vier Uhr in der genannten Kirche das Marien-Lob zu singen, so wie es die jeweilig Zeit erfordert). Heinrichs Vater war Jacob von Nechtersheim, ein Vasall des Grafen von Blankenheim, der Zeit seines Lebens in Blankenheim wohnte. Er hatte die Tochter „Petersen“ des „Heynen Smits von Dollendorf“ geheiratet, also eine Bürgerliche, die aus wohlhabendem Haus stammte; war doch ihr Vater offenbar Besitzer einer Eisenhütte im Oberahrgebiet, wohl nicht Schmied, wie sein Name nahe legt. (Den obigen Dorf-Zusatz hat Reinartz in Klammern dazugesetzt, weil in der Urkunde natürlich nur von Blankenheim die Rede ist. Daß es sich dabei um unser Dorf handelt, habe ich an vielen Stellen dargelegt.)

 Danach setzt Reinartz das Todesjahr dieses in unserer Kirche begrabenen Paares aus dem niederen Adel „um 1500“ an. Und das paßt durchaus zu den auf den oben genannten Gedenkmünzen enthaltenen Jahreszahlen. Genaueres wußte er nicht. Aber hier kommt nun eine weitere Arbeit ins Spiel, nämlich der Aufsatz von Heinrich Neu „Ein Fund in Blankenheim“. (In: „Kölnische Rundschau“, Beilage „Zwischen Eifel und Ville“, Juni 1955). Danach wurde bei den Umbauarbeiten zur Krypta in der Blankenheimer Kirche, in die Treppe eingebaut, der Rest einer Sandsteinplatte entdeckt, auf der in der „schönen gotischen Schrift der Zeit“ zu lesen war: „CCLXXXV starf Jacob von Nechtersheim“. Zitat Neu: „Wenn man am abgeschlagenen Anfang MC ergänzt, ergibt sich die Jahreszahl 1495 und damit das Todesjahr des Ritters, den einst diese Platte deckte.“ (Hier steckt ein Fehler, den bisher noch keiner bemerkt hat – ich auch nicht! Erst ein eifriger Leser unseres „Heimatboten“ machte mich - mehr als 50 Jahre nach dem Erscheinen des Aufsatzes - darauf aufmerksam: Die von Neu vorgeschlagene Ergänzung ergibt nicht 1495, sondern das Jahr 1385!! Einen Denk- und Schreibfehler bei Prof. Heinrich Neu kann ich mir nicht vorzustellen. Wie ist das aber sonst zu erklären? Möglich wäre, daß auf der von ihm beschriebenen Grabplatte die römische Zahl in der eigentlich nicht üblichen Additions-Schreibweise gestanden hat: 400 = CCCC und nicht CD, 90 = LXXXX und nicht XC. Es fehlen demnach neben der von Neu vorgeschlagenen Ergänzung zusätzlich ein „C“ und ein „X“, um die von ihm angegebene Jahreszahl 1495 = MCCCCLXXXXV zu erhalten. Wegen dieser ungewohnten Schreibweise kam es dann zu einem Setz - Fehler in der Zeitungs-Druckerei, der weder beim Korrektur - Lesen damals noch einem Benutzer bis heute aufgefallen ist! Übrigens habe ich diese eigentlich unübliche Schreibweise letztens auf dem Türsturz eines denkmalgeschützten Hauses im Bitburger Land entdeckt. „Offenbar war der Pastor nicht gerade da, als das eingemeißelt wurde!“ meinte dazu M. Berens, Kreisdenkmalpfleger.)

Im Jahr vorher hatte Jacob noch für sein und seiner Frau Seelenheil eine Stiftung von einem Quart Öl (= etwas mehr als ein Liter) für das Ewige Licht in unserer Kirche und von je einem halben Pfund Wachs für die Kirche im „Dorff“ und die Kapelle im „Dhal“ gemacht (Reinartz S. 24). Und in der letzteren wünschte er auch für sich selbst, für seine Ehefrau und für seine Kinder eine Gruft. Er gibt genau die Stelle für dieses Erbbegräbnis an: „ind sullen die unse nae uns allewege gebruchen den stoelle under der trappe“ (= unsere Nachkommen sollen dazu die Stelle unter der Treppe benutzen.) Und diesen Wunsch ihrer Eltern haben die Söhne Heinrich und Richard getreulich ausgeführt: Als Jacob 1495 starb, begruben sie ihn da, wo er gelebt hatte, in der Kapelle von Blankenheim am Fuß der Burg. (Damit widerspreche ich Reinartz, der vermutet, daß „der Wunsch nach einem Erbbegräbnis in der Talkapelle nicht in Erfüllung gegangen“ sei.)

 Die Grabplatte „im Dhal“, das Grab aber „im Dorff“? Für diesen Widerspruch gibt es durchaus eine recht plausible Erklärung: Kurz nach diesem Begräbnis, jedenfalls noch im gleichen Jahr 1495, begann Graf Johann I. (1488 – 1524) mit dem Bau der Pfarr- und Wallfahrtskirche an dieser Stelle - sie wurde 1505 geweiht. Und er mußte kein langes Genehmigungsverfahren durchführen! Auch hat er sein Vorhaben seinen Vasallen wohl nicht vorher bekannt gemacht und etwa ihre Zustimmung eingeholt! Jedenfalls war das noch frische Grab der „Nechtersheimer Krümmel“ nun im Wege. Darum haben die beiden Söhne die Särge ihrer Eltern Jacob und Petersen zu Beginn der Bauarbeiten für die neue große Kirche - die bekanntlich heute noch unverändert in Blankenheim steht - exhumieren und in unserer Kirche erneut zur Ruhe betten lassen. Auch zu ihr hatten die Verstorbenen ja ein besonderes Verhältnis, das sie durch ihre oben genannten Stiftungen dokumentierten. 14 Jahre später, 1509, kann Heinrich dann unsere Kirche als die Grabstätte von „myn vader ind moder“ Eltern bezeichnen. Erst rund 350 Jahre später stieß man beim Abriß des alten Kirchturmes „im Dorff“ wieder auf dieses Grab.

Bei der genannten Umbettungs- Aktion aber war die Platte, die vorher „das Grab deckte“, offenbar zerbrochen und damit für die Wieder-Verwendung als Grabplatte unbrauchbar geworden. Teile davon wurden als Stufe in der Treppe zur neu angelegten Krypta in der neuen Kirche „im Dhal“ eingebaut, wo sie dann nach 450 Jahre gefunden wurde. Entgegen der Empfehlung von H. Neu ist die Platte mit der Inschrift wohl nicht in das neue Heimatmuseum gebracht worden. Wo sie sich heute befindet, konnte mir keiner sagen. Offensichtlich ist sie für immer verloren.

Nun mag man fragen: „Was haben wir von all dem? Was geht uns das heute an?“ Unser DGKV hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte unseres Dorfes und seiner Bewohner aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Und dazu gehört das Obige ganz gewiß. Ich bin froh, daß ich ein „Problem“, wenn auch ein kleines und nicht unbedingt weltbewegendes, lösen konnte. Manchmal ist ein Blick in die Arbeiten und Ergebnisse von anderen doch sehr erhellend für die eigene Vergangenheit.

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