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23.05.2016




 

Foto: hejo@blancio.de

Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Naache
Das Mundartwort bezeichnet ein kleines flaches Flussfahrzeug, einen Kahn oder ein Fährboot: den Nachen. Die Herkunft des Wortes könnte mit dem holländischen „Aak“ (Mehrzahl: Aken) in Verbindung gebracht werden, was früher die Bezeichnung für ein Rheinschiff bestimmter Bauart war. Der Nachen ist ein selten gebrauchtes Wort, meistens steht an seiner Stelle „Kahn“ oder „Boot.“ In der Mundart gibt es eigentlich nur eine einzige Anwendung für den Nachen: Du kanns mir ens dr Naache döüje, was wörtlich übersetzt „Du kannst mir mal den Nachen schieben“ heißt. Ein Ersatzwort für Naache gibt es in dieser Redewendung absolut nicht, et Boot döüje beispielsweise oder dr Kahn döüje wäre beinahe undenkbar, und etwa et Scheff (Schiff) döüje wäre geradezu unmöglich. Dr Naache döüje bedeutet eine Ablehnung, das Sich-Verwahren gegen ein Ansinnen oder eine Behauptung. Ein Beispiel: „Kannste mir ens honnert Euro pompe?“ Antwort: „Du kanns mir dr Naache döüje, ech han selever nix.“ Dr Naache döüje war unter anderem bei unserer Jött daheim ein häufig gebrauchtes Wort. Wenn ich mir beispielsweise bei ihr en Schnedd (ein Butterbrot) erbettelt hatte und nach einer halben Stunde mit dem gleichen Anliegen wieder bei ihr erschien, war ihre lapidare Reaktion: Du kanns mir dr Naache döüje. In vielen Fällen ist die Redewendung eine elegante Umschreibung des bekannten Götz-Zitats.

Näächswächter
Was in vielen Eifelregionen mit „Naach“ oder „Naat“ bezeichnet wird, ist in Blankenheimerdorf die Nääch, demgemäß ist auch der Nachtwächter bei uns der Näächswächter. Ein früher bekannter Dörfer Näächswächter war Stombs Wellem, Wilhelm Pfingsten, der um 1900 lebte und um den sich eine ganze Anzahl lustiger Verzällcher (Anekdötchen) ranken. Ursprünglich war der Nachtwächter so eine Art Dorfsheriff: Er hatte während der Nacht im Ort für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das machte sich der Dörfer Näächswächter zu nutze und erschien angelegentlich bei den späten Zechern in der Kneipe, um Fieroowend ze bede (Feierabend zu befehlen = die Polizeistunde einzuhalten). Großzügig erlaubte Wellem „noch eine Runde,“ in die er natürlich einbezogen wurde, und rasch war danach die Polizeistunde vergessen. Das war vor mehr als hundert Jahren, weit jüngeren Datums ist ein Thekenepisödchen, bei dem es um die hinterhältige Frage ging, ob die Witwe eines Näächswächters auch dann Sterbegeld von der Versicherung bekäme, wenn ihr Mann tagsüber stirbt. Als der Gefoppte nach hitziger Diskussion merkte, dass er veräppelt worden war, soll es zu bitterbösem Wortgefecht und langdauernder Feindschaft gekommen sein.

nääle
Wenn bei einer Arbeit Nääl (Nägel) verbraucht werden, so wird dabei jenäält (genagelt) und das bedeutet das Verbinden oder Befestigen von Elementen durch Nägel. Hieraus entstand das geflügelte Wort “niet- und nagelfest.“ Um das Nääle gibt es eine Menge Redensarten, Pudding aan de Wand nääle bedeutet zum Beispiel „etwas Unmögliches tun“ und e Ei op de Schenne nääle (ein Ei auf die Schienen nageln) ist ebenso unmöglich. Am beliebten „Nagelbalken“ werden beim Dörfer Wiesenfest kiloweise Drahtstifte vernäält, und die „Nagelprobe“ ist auf eine perfekt gedengelte Sense zurückzuführen, deren hauchdünne „Bahn“ sich mit dem Daumennagel wölben lässt. Druckluftnagler und Elektrotacker ersetzen heute beim Nääle in den meisten Fällen den guten alten Hammer, beispielsweise beim Verlegen und verdeckten Vernageln von Fußbodendielen. Noch zu Vaters Lebzeiten wurden die Dielenbretter mit Stauchkopfnägeln auf die Balken jenäält und anschließend versenkt, verkittet und die Nagelstellen abgeschliffen. Jebönn (Fußbodenbretter) wurden durch zwei Nagler „im Takt“ genagelt, die linke Hand hielt dabei eine Anzahl Stauchköpp (Nägel) bereit und setzte sie an, die Rechte führte den Hammer im Zweiertakt, wie beim Flegeldreschen. Nääle ist nicht zuletzt ein landläufiges, meist humorig unterstrichenes Wort aus der Sexsprache.

Nabel
Der mundartliche Nabel bezeichnet das Gleiche wie sein hochdeutsches Ebenbild, nämlich den Bauchmittelpunkt bei Mensch und Tier. Im Kreuzworträtsel wird gelegentlich auch nach der „Geburtsnarbe“ gefragt. Der Dörfer Dialekt kannte und kennt auch heute noch das überaus treffende Wort Buchknouf und das heißt wörtlich „Bauchknopf.“ Eine bei uns sehr häufige Wiesenpflanze, die „Acker-Witwenblume,“ hieß wegen ihrer knopfförmigen blau-violetten Blüten zu unserer Kinderzeit ebenfalls Buchknouf. In Vaters Schreinerwerkstatt erschien damals gelegentlich Baalesse Thuëres, der Hausschlachter von Blankenheimerdorf: Hein, ech schlaachte mohr ene Bärch, kannste dr Nabel bruche? Er schlachtete also am nächsten Tag ein (kastriertes) männliches Schwein und fragte, ob Vater den Nabel brauchen könne. Diese heute seltsam erscheinende Frage war damals nichts Ungewöhnliches. Die hier mit Nabel bezeichnete spezielle Bauchpartie vom Bärch war für absolut nichts anderes zu verwenden, dem Dorfschreiner diente sie unterdessen noch zum Einfetten der Bügelsägen und Fuchsschwänze. Der Schlachter beließ am vorderen Ende der halbmeterlangen „Nabelsehne“ einen faustgroßen Speckklumpen, der mit der Zeit trocken und hart wurde und ein dauerhaftes natürliches Schmiermittel für die Sägeblätter ergab. In Vaters Werkstatt hing ständig ein solcher Fettnabel griffbereit über der Hobelbank, Baalesse Thuëres, der bei uns ein und aus ging, sorgte ständig für Nachschub.

Nackaasch
Der Aasch ist bekanntlich das Eifeler Wort für die berüchtigten „Vier Buchstaben,“ auch wenn es deren tatsächlich fünf sind. Es sei denn, man schriebe Asch, was allerdings nicht der Eifeler Sprechweise gerecht würde. Im berühmten Kriegsroman von Hans Helmut Kirst allerdings macht der Gefreite Asch intensiv von sich reden. Der Nackaasch ist ein unbekleidetes Hinterteil und war zu unserer Kinderzeit ein alltägliches Wort. Wenn beispielsweise wir Pänz bei der Samstagsreinigung in die Badebütt stiegen, taten wir das als Nackääsch (Mehrzahl). Ein unbekleideter Mensch war ganz allgemein ein Nackaasch, den wir heute vornehm als „Nackedei“ bezeichnen. Dem Freund des Rebensaftes ist der Moselaner mit dem „Nacktarsch“ im Firmennamen bekannt, und bei uns im oberen Ahrtal gab es früher die Bezeichnung Nackaascher Hoff für einen landwirtschaftlichen Betrieb. Einen ganz armen Menschen, deren es in der „Guten Alten Zeit“ eine ganze Menge gab, nannte man ärme Deuvel (armer Teufel) oder ganz einfach auch Nackaasch. Noch zu meiner frühen Kinderzeit war die Schladerbotz ein gängiges Kleidungsstück für uns Pänz: Eine Hose mit herunter klappbarem Hinterteil. Diese Schlader wurde durch zwei Knöpfe „verschlossen“ und konnte im Bedarfsfall blitzschnell geöffnet werden. Darunter kam der Nackaasch zum Vorschein, denn Unterhosen gab es nicht.

Nähdesch (weiches e)
Soweit es um häusliche Näh- und Flickarbeiten des Alltags ging, war jede Eifeler Hausfrau ihre eigene Näherin. Für Neuanfertigungen von Bekleidung oder größere Änderungen musste aber die Nähdesch bemüht werden, die gelernte Schneiderin, oder auch der Schnegger, ihr Berufskollege. So wurde unter anderem die kleine Ortschaft Nonnenbach, wo es keine Nähdesch gab, durch den Waldörfer Schnegger bedient, den Wanderschneider Hubert Kutsch aus dem Nachbarort Waldorf, der ein Hinkebein besaß und regelmäßig für mehrere Tage nach Nonnenbach kam. Die Nähdesch von Blankenheimerdorf hieß Elisabeth Poensgen. Sie wurde nach ihrem Elternhaus Friesen ortsüblich Jäjesch Liss oder auch einfach nur de Nähdesch genannt. Frau Poensgen hat im Jahr 1943 meinen Kommunionanzug angefertigt. Die Anproben fanden meistens sonntags nach der Messe statt: Wir Schlemmershofer mussten zur Kirche nach Blankenheimerdorf, hin und zurück sieben Kilometer Fußmarsch. Der freiwillige „Sonntagsdienst“ der Nähdesch ersparte uns den zusätzlichen Gang zur Anprobe. Dem Vernehmen nach hat der Eisenbahner Albert Poensgen, der Ehemann der Schneiderin, in 1945 die vorbereiteten Sprengladungen der Wehrmacht an der Eisenbahnbrücke bei seinem Haus unbrauchbar gemacht und so die Sprengung verhindert, die sein Anwesen mit zerstört hätte.

Nähschauß
Das Eifeler Schauß ist die hochdeutsche Schublade, das Nähschauß ist mithin eine „Nähschublade“ und die gab es bereits früher an der mechanischen Nähmaschine als schmaler Schubkasten unter der Arbeitsplatte. Eigentlich hätte die Einrichtung Nähmaschineschauß heißen müssen, das Wort war aber zu umständlich und man kürzte auf Nähschauß ab. Das Blankenheimerdorfer Schauß hieß bei uns daheim Schoss, das Schublädchen an der Nähmaschine war somit das Nähschössje, im Alltag ganz einfach et Schössje genannt, weil alle übrigen Schubladen im Haus große Schosser (Mehrzahl von Schoss) waren. Eine ähnliche, etwas konkretere Bezeichnung war Maschineschössje: Im gesamten Haushalt gab es bei uns damals keine weitere Maschine, also befand sich das Maschineschössje zwangsläufig an der Nähmaschine und war ein fester Begriff. Jött beauftragte mich gelegentlich beim Nähen: Jank holl mir ens dr Püssel üß dem Schössje (Geh, hol mir mal das Nadelkissen aus dem Schublädchen). Unsere Nähmaschine daheim war ein „Rheinperle“- Fabrikat, ihr Nähschauß war abschließbar und diente gelegentlich der Aufbewahrung von Geheimsachen.

Nähscholl (weiches o)
Regional auch Nähschull, ist das landläufige Wort für die Nähschule, deren Entstehung weitgehend auf das Klosterleben und die Tätigkeit der Nonnen zurückzuführen ist. Als später an den Volksschulen das Fach „Handarbeit“ eingeführt wurde, übertrug der Volksmund die Bezeichnung Nähscholl auch auf diesen Unterrichtszweig. Alle zwei Wochen war nachmittags für die Mädchen Nähscholl, den Unterricht erteilte in der Regel eine fachlich begabte Frau aus dem Ort, oft übernahm die Frau des Lehrers das Amt einer Handarbeitslehrerin. Bei uns daheim hat unter anderem unsere Jött (Tante) in den Nachkriegsjahren längere Zeit den Schulmädchen Stricken und Nähen, Häkeln, Flicken und Stopfen beigebracht. Auf dieses freiwillig übernommene „Lehramt“ war sie stolz, zumal sie ja auch noch ein paar Groschen dabei verdiente. Sie konnte beim „Unterricht“ sogar gelegentlich ziemlich „grantig“ werden, wenn ihr etwas gegen den Strich ging. Für uns Jungen gab es analog zur Nähscholl der Mädchen, die „Werkstunde,“ die unter anderem dazu diente, das vom Lehrer gehackte Brennholz für den Schulofen unter Dach zu bringen und zu stapeln. Fürs „Werken“ im heutigen Sinn gab es an unserem kleinen Volksschülchen keinerlei Lehrmittel.

Namensdaach 
Während wir heute in der Regel den Geburtstag mehr oder weniger ausgiebig zu feiern trachten, war zur Zeit unserer Eltern der Namenstag Anlass zu familiärer Festlichkeit. Das Namensfest des Pfarrpatrons war sogar häufig ein örtlicher Feiertag, zum Beispiel Pitteschdaach (Peter und Paul) in Blankenheimerdorf, Brijittefess (Brigidafest) in Nonnenbach oder Jörjesfess (Georgsfest) in Blankenheim. Andere Namenstage waren in der Landwirtschaft von Bedeutung oder begründeten Bauernregeln, Mechelsdaach (Michaelstag) beispielsweise, Bärb (Barbaratag) oder Jierdrög (Gertrudis). Vell Jelöck op dr Namensdaach lautete ganz allgemein der Glückwunsch, regional auch Vell Jlöcks mit dem Namenszusatz, etwa Vell Jlöcks Pitter. Zu meiner Kinderzeit lebte in unserer Nachbarschaft ein geistig stark behinderter Mann mittleren Alters. Er konnte weder lesen noch schreiben, er kannte aber die Namenstage aller derjenigen Mitmenschen, denen er wohlgesonnen war. Wie er das fertig brachte, ist bis heute ein Rätsel. Bei jedem Einzelnen erschien er mit einer Handvoll Wiesenblumen oder Laubzweigen als Namensdaachsstruuß (Strauß) und gratulierte, sogar bei uns Kindern.

Nas
Der Begriff „Nase“ ist ein Wort, das in vielen europäischen Sprachen fast gleichlautend, zumindest aber ähnlich geschrieben und damit auch verstanden wird, ein paar Beispiele: Nasus (Latein), Nose (Englisch), Neus (Niederländisch), Nez (Französisch), – da passt unsere mundartliche Nas genau dazu. Erstaunlich vielfältig sind die diversen Bezeichnungen des Riechorgans je nach dessen „Bauart,“ Jurk (Gurke) beispielsweise, Jewwel (Giebel), manchmal auch Ruches (wörtlich = Riechhaus) oder Koleve (Kolben). Vielfältig wird auch der „Zustand“ beschrieben, etwa Knolle-, Plüsch-, Schnaps- und Rotznas. Ein neugieriger Mensch ist eine Vüerwetznas (Vorwitznase). In geselliger Tischrunde tauchte früher gelegentlich die Behauptung auf: Et schöns Mädche hät en Treps an dr Nas (Dem schönsten Mädchen tropft die Nase). Wer von den Damen sich dann verstohlen die Nase abwischte, wurde weidlich ausgelacht. Ein geflügeltes Wort besagt: Jöck an dr Nas, Schatz op dr Straß (Juckende Nase, Schatz auf der Straße). Wer eine Himmelfahrtsnas besitzt, von dem sagt man: Dem räänt et en de Nas, und der Besitzer eines ungewöhnlich umfangreichen Riechorgans hat beim Verteilen der Nasen zweimool hier jerofe oder er hat mieh Nas wie Jesiëch (mehr Nase als Gesicht). Ein weises Elternwort war: Mr soll seng Nas net en annerlöcks Kauchdöppe steiche (Man soll seine Nase nicht in anderer Leute Kochtopf stecken). Und schließlich: Sech jät mot dr Nas op de Mau schrieve (Sich mit der Nase etwas auf den Ärmel schreiben) ist die gar nicht mal so selten zu beobachtende Unart, die Nase mit dem Ärmel abzuwischen.

Nasewärmer
Der „Nasenwärmer,“ ein etwas seltsamer Begriff, unter dem man sich spontan einen Kälteschutz für Gesicht und Nase vorstellen möchte. Den Nasewärmer unserer Eltern unterdessen bezeichnete man auch als Knasterdöppe oder weniger vornehm als Sejwerdöppe, und das war ganz allgemein die Tabakpfeife. Der Nasewärmer war eine solche Pfeife ganz besonderer „Bauart,“ sie besaß nämlich einen sehr kurzen Stiel und wurde daher Stummel- oder Mutzpief (Pfeife) genannt. Es gab irdene Mutzpfeifen, die von ihrem Besitzer wie eine Kostbarkeit behandelt und gepflegt wurden. Ein solches Rauchgerät nannte man Hans und sein Besitzer hätte es gegen die teuerste Pfeife nicht eingetauscht. Der Mutz-Hans wurde geraucht, bis der Stiel nur noch wenige Zentimeter lang war und der Pfeifenkopf somit beinahe die Nase berührte. Das war dann der echte Mutz-Nasewärmer. Die Senioren aus Blankenheimerdorf erinnern sich noch gut an Bahne Mattes, den Landwirt und Feuerwehrführer Matthias Schlemmer, den man nur selten ohne seinen geliebten Mutz-Hans-Nasenwärmer gesehen hat. Ein „abgekauter“ Pfeifenstiel war glatt und besonders bei schlechten Zähnen nur schwer im Mund zu halten. Manche Raucher wickelten also einen starken Faden um das Mundstück, Johann Mies vom Kippelberg (Ortsteil von Blankenheimerdorf) steckte einen roten Flaschejummi (wörtlich Flaschengummi = Dichtring vom früheren Bierflaschen-Bügelverschluss) auf den Stiel seiner krummen Tabakpfeife.

Nätz
Nätz
ist das Allgemeinwort für „Nässe,“ es wird aber überwiegend als Bezeichnung für Feuchtigkeit, leichte Nässe oder Nieselregen gebraucht. Köbes (Jakob) wollte eigentlich spazieren gehen, es nieselte aber und bie der Nätz (bei der Nässe) ging er lieber nicht vor die Tür. Ich hatte beim Wasserholen mit dem Eimer jeschlabbert und erhielt den Befehl: Holl dir de Schrupplomp on botz die Nätz op. Schrupplomp (Schrubberlumpen = Putztuch, Aufnehmer) und Spöldooch (Spültuch) waren bei mir verhasst. Wenn beim Kleinkind die Windel feucht wurde, hatte Baby jenätz (genässt). Regional umschrieb man auch das normale menschliches Bedürfnis: Ech moß ens nätze john. Und wenn ein Wiehche (Wehchen, Wunde) ärch wuër (arg wurde = sich entzündete, nicht heilte), war es in der Regel am nätze. Unsere Eltern kannten beim sonntäglichen Kirchgang nach Blankenheimerdorf auch bei Regenwetter kein Pardon: En de Kirch wiëd jejange, van dem beßje Nätz stirf mr net (In die Kirche wird gegangen, von dem bisschen Regen stirbt man nicht). Und bei länger anhaltendem Regen sorgte sich der Bauersmann: Bie der Nätz wääß et Koor üß, er fürchtete also, dass die Roggenkörner „auf dem Halm“ auswachsen und damit verderben würden.

Neddeschem
Die kleine Silbe „em“ als Endung eines Ortsnamens, bedeutet in unserem Dialekt „heim,“ Neddeschem ist somit unser Wort für den Nachbarort Nettersheim. Einige weitere Beispiele: Blangem (Blankenheim), Möllem (Mülheim), Schmedem (Schmidtheim), Zengßem (Zingsheim), Hellessem (Hillesheim), Wollerschem (Wollersheim). Neddeschem war für 27 Jahre meine „zweite Heimat,“ vom Februar 1959 bis zum Juni 1986 war ich Fahrdienstleiter auf dem Bahnhof, der heute längst verkauft und zum „Kulturbahnhof“ umfunktioniert worden ist. Mein erster selbständiger Diensttag war der 09. Februar 1959, der Rosenmontag, und das war ziemlich strapaziös, weil der Rosenmontagszug sich in unserer Ladestraße formierte und von dort startete. Das war zwar abseits der Hauptgleise, immerhin aber knubbelten sich die Menschen auf unserem Bahngelände, wenn ein Zug kam, hatten wir „Augen und Ohren zu wenig.“ Es ging Gott sei Dank immer alles gut. Am 24. September 1958 dagegen stießen auf der eingleisigen Strecke zwischen Neddeschem und Urft ein Personenzug und eine einzeln fahrende Lok zusammen. Es gab 8 Todesopfer, darunter beide Lokmannschaften (Lokführer und Heizer). Das war ein halbes Jahr vor meinem Dienstantritt. Der Nettersheimer Karnevalsruf ist Neddeschem wau wau, dabei deutet das doppelte „wau“ auf den Spitznamen der Ortsbewohner hin: Neddeschemer Höndcher (Nettersheimer Hündchen). Die Höndcher „bellen“ zwar gelegentlich ein wenig herum, wer sie aber kennt und sich ihnen anpasst, der kommt ganz passabel mit ihnen zurecht.

neeste
Bejm Neeste
(Niesen) hält mr sech en Hand vüer dr Mond lautete die Ermahnung unserer Mutter, wenn wir Pänz wieder einmal lauthals in die Welt hinaus geniest hatten. Manche Menschen lassen beim plötzlichen Niesreiz einen derartigen Bröll (Schrei) vom Stapel, dass de Fleeje van dr Wand falle (die Fliegen von der Wand fallen), andere dagegen versuchen, den Schrei gewaltsam zu unterdrücken und daraus resultiert dann ein nicht zu beschreibendes schauriges Geräusch. Wenn der Gesprächspartner unverhofft niesen muss, wünschen wir ihm „Gesundheit“ und das heißt so viel wie „werde nur nicht krank.“ Zu unserer Kinderzeit lautete der Wunsch Jott sähn dech (Gott segne dich, siehe Lexikonseite J). Wenn Baby ein Nieserchen von sich gibt, ahmt Mutti zärtlich „hatzi“ oder „hatschi“ nach, und daraus ist vermutlich auch das kindliche „Hatziblümchen“ hergeleitet. In den jugendlichen „Flegeljahren“ führten wir ständig in einem dicht schließenden Behältnis Neeßpolever (Niespulver) mit uns, von dem wir beispielsweise an der Theke heimlich eine Prise in die Luft beförderten. Niesen soll ja allgemein gesund sein, es wurde unterdessen mehr als ungesund, wenn wir bei unserer Streuaktion erwischt wurden.

Nettche
Für den Frauennamen Katharina gibt es im Eifeler Dialekt eine Vielzahl von Synonymen, einige davon: Kätt, Keet, Treng, Trin, Katreng. Aus Treng und Trin wird allerdings an unserer Oberahr Dreng und Drin. Ein weiteres heute nur noch wenig gebrauchtes Synonym ist Nettche. In Blankenheimerdorf gab und gibt es meines Wissens diesen Namen nur ganz selten, unser bekanntestes Nettche war Krämesch Nettche, die von allen geschätzte Gastwirtin Nettchen Schmitz geborene Cremer. Sie war bei ihrer Kundschaft und im ganzen Dorf wegen ihres unkomplizierten Wesens, ihrer Freundlichkeit – und nicht zuletzt wegen ihrer Kochkünste – beliebt. Sie starb am 19. Juli 1961 im Alter von nur 51 Jahren, eine Beerdigung wie die von Krämesch Nettche hat Blankenheimerdorf selten erlebt. Eine Zeitlang speiste ich aan Krämesch zu Mittag, wenn ich gegen 13,30 vom Frühdienst kam. Das tat ich bei Nettche in der Küche, sie stapelte jede Menge Fleisch auf meinen Teller und kommentierte: Dä, ess, schmeck joot, schmeck joot, wellste noch jät. Sie „fütterte“ mich geradezu, und dass ihr Essen in der Tat joot schmeckte, kann ich nur bestätigen. Im Kölner Stadtteil „Eigelstein“ gab es damals die Kneipe Beim Nettchen, dort habe ich am 06. Februar 1956 die bestandene Assistenprüfung bei der Deutschen Bundesbahn gefeiert, - und mit knapper Not den letzten Heimatzug Richtung Eifel erwischt.

nevve (hartes e)
Umstandwort des Ortes: „neben, seitlich von.“ Häufig kommt auch nevven zur Anwendung, wenn der nachfolgende Buchstabe ein Vokal ist: Nevvenaan (nebenan). Folgt ein Konsonant, so sagen wir nevve: Nevvebie (nebenbei), oder Nevvejass (Nebengasse). Diese Unterscheidung basiert auf der leichteren Sprechweise, nevvenbie beispielsweise oder Nevvenjass lässt sich schwerer aussprechen. Dat hät jät nevven de Bahn war früher eine hinter der Hand getuschelte gehässige Redewendung, wenn sich bei einer unverheirateten Frau Nachwuchs eingestellt hatte. Und wenn jemand einer Nebenarbeit nachging, hieß es dä verdeent sech jät nevvelängs. Ein missglücktes Vorhaben oder ein Fehlschuss beim Scheibenschießen jing drnevve (ging daneben). Eine seltene Form ist nevvert, unter anderem freute sich Klöös (Klaus) über die heimlich verehrte Sitznachbarin im Schulbus: Dat Drögg (Gertrud) hät sech nevvert mech jesatt (gesetzt), mir han op dr janze Fahrt nevvenenanner jeseiße (nebeneinander gesessen). Von einer hochnäsigen, eingebildeten Person schließlich wurde behauptet: Dä/dat hät ejne nevve sech john (wörtlich = hat einen neben sich gehen).

Nickel
Jeder kennt das Metall Nickel, aus dem unter anderem die Nickelbrell (Nickelbrille) hergestellt wurde und wird, die sich durch relativ kleine runde Gläser auszeichnet und in den 1970er Jahren noch einmal groß in Mode gekommen war. Nickel war früher auch unsere Bezeichnung für eine kleine Münze, in den USA ist heute noch die Fünf Cent-Münze ein Nickel. Im Eifeler Dialekt ist der Nickel ein hinterlistiger, verdrehter und oft sogar bösartiger Mensch, dem man im Dorf angelegentlich üß de Fööß ging (einen Bogen um ihn machte). Ein solcher Mensch war e nickelich Loder (Luder) und net joot jeledde (nicht gut gelitten = unbeliebt). Allerdings war manchmal auch ein Spaßmacher, der seine Mitmenschen gern hinters Licht führte, im Grunde aber harmlos und ob seiner Späße beliebt war, ein Nickel. Ein Dörfer Schimpfwort war Saunickel. Wenn etwa wir Pänz wieder einmal total verdreckt vom Spielen nach Hause kamen, wetterte Mam: Ihr seht ens wier üß wie Saunickele (Ihr seht mal wieder wie Ferkel aus). Ein Erwachsener war ein Saunickel, wenn er sich Sexbilder anschaute, der Sex insgesamt war damals Saunickelskroom (Schweinkram). Dabei ist Sex an sich die natürlichste Sache der Welt. Saunickelich freilich ist das, was der Mensch oft daraus macht.

Nixnotz
(weiches o)
Der Nixnotz als Substantiv ist der Nichtsnutz oder Taugenichts, nixnotz als Adjektiv bedeutet somit „zu nichts zu gebrauchen, zu nichts nützlich,“ allerdings wird diese unliebsame Eigenschaft bei uns eher mit nixnotzich oder nixnötzich umschrieben, und hierzu lautet wiederum das Hauptwort Nixnotzichkejt. Der Nixnotz ist an kein Lebensalter gebunden, der Lausbub kann genauso gut ein Nixnotz sein wie etwa der Halbwüchsige oder auch der Opa. In der Regel bezieht sich das Wort auf eine männliche Person, in ganz krassen Fällen kann unterdessen auch eine Frau betroffen sein: Die Nixnotz hät dr Düvel em Liev sagt man beispielsweise von einem bösartigen verkommenen Weib. Einer unserer Nachbarn daheim konnte mich nicht leiden, für ihn war ich ein nixnotzich Loder (Luder) und er schimpfte mit mir: Du bos esu nixnotzich wie de langk bos, – so nichtsnutzig wie ich lang bin? Dann kann meine Nixnotzichkejt nicht besonders groß gewesen sein: Ich war immer von etwas kleinerer Statur als meine Schulkameraden. Als Halbwüchsige in den Flegeljahren nach dem Krieg, spielten wir abends und nachts Schabernack im Dorf und kamen rasch in Misskredit: Die Nixnotze han annesch nix wie Loderejen em Kopp. Das war zwar nicht immer so böse gemeint, wie es sich anhörte, kam aber der Wahrheit ziemlich nahe. Trotzdem: Es war eine schöne Zeit, wir waren unserer sieben, vier sind schon nicht mehr unter uns.

Nöll
(weiches ö)
Je nach Aussprache ein Wort mit zweierlei Bedeutung. Mit gedehntem l gesprochen (wie in „Ball“) ist es eine der zahlreichen Abwandlungen des Männernamens Arnold. Ein an der Oberahr sehr bekannter Nöll war beispielsweise der Heimatfreund Picke Nöll (Arnold Pick) aus Blankenheim, der im Jahr 1953 Prinz Karneval war. Andere Mundartnamen für Arnold sind Nöldes oder Noldes, in Blankenheimerdorf war und ist Noll gebräuchlich. An der Nürburgstraße im Oberdorf gibt es das Anwesen Nolls (Arnolds), so genannt nach dem Erbauer und Eigentümer Arnold Rosen, dessen Sohn Michael allgemein als Nolls Mechel bekannt war. Nolls Rainer ist der Sohn von Michael, er lebt heute in Lammersdorf (Land kreis Aachen). Die Nöll, mit kurzem l gesprochen (wie in „still“) ist im Dörfer Platt der menschliche Kopf. Im alten Eifelhaus war die Ovvenopstrapp (Treppenaufgang ins Obergeschoß) so niedrig, dass der Uneingeweihte mit seiner Nöll unvermeidlich gegen den oberen Türrahmen knallte. Ein herrliches Beispiel gibt es in dem Ganghofer-Film „Schloß Hubertus,“ in dem der jagdbesessene Graf Egge wiederholt mit dem Kopf gegen den Türbalken der Jagdhütte donnert. Zu meiner Kinderzeit gab es ein Kölner Spottliedchen: Mr süht, dat du vun Kölle küss, da süht mr an der Nöll. Demgemäß hätte man einen Kölner an seiner Nöll erkennen müssen.

nonanner (hartes o)
Das Wort bedeutet „zurecht, ordentlich, heil“ und wird meist im Zusammenhang mit maache (machen) angewendet: Dat Steng (Christine) hät sech äwwer noch ens nonanner jemääch wie ene Filmstar, stellte Schäng (Hans) beim Kirmesball fest. Unsere Jött machte allmorgendlich unsere zerwühlten Kinderbetten nonanner und der an Grippe erkrankte Fränz konnte nicht zur Arbeit, weil er noch net janz nonanner (noch nicht so recht genesen) war. Das Wort wird gelegentlich mit noënanner verwechselt. Das aber bedeutet „nacheinander“. Wenn ich über meinen Hausaufgaben „brütete“ und nicht voran kam, meckerte Jött aus dem Huus (Küche) herüber: Köste wier net mot denge Aufjabe nonanner, du solls en dr Scholl besser oppasse. Mehr Aufmerksamkeit im Unterricht, das war einer ihrer ständigen Ratschläge. Ein anderes Wort für nonanner war ebenfalls gebräuchlich: Nonej, meistens mit der Bedeutung „herrichten, vorbereiten.“ So wurde beispielsweise vor Beginn der Getreideernte et Hawerjeschier nonej jemääch (die Getreidesense einsatzbereit gemacht), und Krämesch Pitter (Gastwirt Peter Schmitz) machte noch jäng et Söüsfreiße nonej (noch rasch das Schweinefutter parat), bevor er sich zur abendlichen Skatrunde gesellte.

noo (hartes o)
Nur die Schreibweise lässt die Wortbedeutung erkennen: „Nach“ (siehe auch: nooh). Im Folgenden ein paar Anwendungsbeispiele aus unserem Sprachalltag. Als Kinder spielten wir im Winter Nooloufe (Nachlaufen) in einem großen, in den Schnee getretenen und in Sektoren aufgeteilten Kreis. Vüer on zenoo (vor und nach) war ein Ausdruck für „allmählich“ und wurde oft auch durch noo on noo (nach und nach) ersetzt. Ejnt vüer, et annere noo (Eins vor, das andere nach) bedeute soviel wie „Eile mit Weile“ oder dohn dir de Rouh aan (Nur keine Hast). Et os mir höck net drnoo (Es ist mir heute nicht danach) ist die Bekundung von Desinteresse. Eine häufig angewandte Wortform ist noohm, eine Abkürzung für „nach dem.“ Wir sagen beispielsweise noohm Eiße (nach dem Essen), wir gehen noohm Dokter, noohm Bett oder noohm Ball em Bürjerhuus. Nach durchzechter Nacht hat mancheiner einen unangenehmen Noojeschmack im Mund und verspürt mächtigen Nooduësch (Nachdurst). Als es in unserem Dorf noch vier Kneipen und zwei Säle gab, wurde regelmäßig zur „normalen“ viertägigen Kirmes auch noch Nookirmes (Nachkirmes) gefeiert, – und alle kamen auf ihre Kosten. Et läät alles noo (Alles lässt nach), zu dieser Feststellung kommen wir nach einigem Noodenke (Nachdenken) mit Blick auf unser heutiges (2016) „kneipenloses“ Dorf, die Tatsache ist aber nicht zu leugnen und Nookaate brenk nix (Nachkarten bringt nichts).

noobere (hartes o)
Ein Wort aus der „guten“ alten Zeit. Wenn abends das Vieh versorgt und die Hausarbeit getan war, ging man häufig noch ein wenig noobere, das heißt man ging auf ein Plauderstündchen zum Nachbarn hinüber. Für noobere gibt es kein hochdeutsches Wort, man könnte den Ausdruck mit „die Nachbarschaft pflegen“ übersetzen, denn der Noober ist der Nachbar. Noobere konnte gelegentlich nützlich sein, beispielsweise dann, wenn es beim Nachbarn nach Riefkooche (Reibekuchen) oder Hejnschkooche (Buchweizen-Pfannkuchen) duftete. Bei solcher Gelegenheit fiel in der Regel stets eine Kostprobe für den Besucher ab. Heute geht kein Mensch mehr noobere, lieber „entspannt“ man sich vor dem Bildschirm und handelt im Übrigen nach dem Grundsatz: Was diesseits meiner Grundstücksgrenzen geschieht, geht den Nachbarn nichts an. Es gab auch den Ausdruck nööbere, der aber eher „anbiedern“ bedeutete oder ein Sich-Annähern beschrieb. Als unser lieber Nachbar Heinrich Klaßen (Austengs Hein) noch lebte und Schmitze Walter sein Mieter war, wurde bei uns intensiv jenoobert: Nur wenige Schritte quer über die Straße, und man war beim Nachbarn in Hof. Daraus ergab sich nicht selten das schönste „Garagenfest,“ ganz unvorbereitet: Ech hätt richtich Loß, e Fäßje opzemaache. Ein Fässchen aufmachen, die Lust war ansteckend: Ech besorjen et Bier, maach du deng Karaasch parat. Solch spontane Entschlüsse waren immer die besten.

Nooduësch
(hartes o)
„Wer an der Ahr war und weiß, dass er da war, der war nicht an der Ahr.“ Dieser weise Spruch besagt schlicht und einfach, dass der zünftige Ahrtourist am nächsten Morgen mit einem erheblichen Brummschädel aufwacht und gewaltigen Nooduësch verspürt. Mancheiner schwört Stein und Bein, er werde „keinen Tropfen Alkohol mehr“ zu sich nehmen. Andere dagegen begrüßen den brennenden „Nachdurst,“ gilt es doch, diesen Brand (Durst) ausgiebig zu löschen. Bei solchem „Nachlöschen“ gilt bei Erfahrenen die Faustregel: „Mit demselben Stoff löschen, mit dem der Brand entfacht wurde,“ was sich unterdessen längst nicht immer als hilfreich erweist. Einmal hatten wir ziemlich zünftig die Dörfer Kirmes gefeiert, zum Häusertaufen am Kirmesmontag hatte ich zwar mächtigen Nooduësch, kam aber wegen des rebellierenden Magens nicht zum wirksamen Löschen. Mein Freund und Nachbar Austengs Hein (Heinrich Klaßen) schritt zur Tat und reichte mir einen enorm „Hochprozentigen,“ den ich noch nie gekostet hatte: Hie drenk, entweder boßte donoo wier fit, oder du jehs kapott (Trink das, entweder bist du danach wieder fit oder du stirbst). Es war eine Ross- und Radikalkur, danach war ich wieder fit.

nooh (hartes o)
In der Aussprache ist das Wort mit noo zu verwechseln, die verschiedenartige Schreibweise kennzeichnet aber die Bedeutung: Nooh = nahe, noo = nach. Wenn beispielsweise ein Weidetier ausgebrochen war und eingefangen werden musste, wurde ich beauftragt: Jank dem Dier noo on kick, datte nooh jenooch draan köß (Geh hinterher und sieh zu, dass du nahe genug heran kommst). Wer mit knapper Not einem Missgeschick entgehen konnte, stellt erschrocken fest: Jung do hät et mir äwwer nooh biejestanne (…nahe beigestanden). Es gab und gibt mancherorts Leute, denen man am besten aus dem Weg geht, vor denen wird gewarnt: Komm dem net ze nooh, und wenn sich ein solcher Rowdy bedroht sieht, warnt er seinerseits: Komm mir net ze nooh, sons kreßte ejne op de Nas. Spuren am Straßenrand lassen oft erkennen, dass hier mal wieder ein LKW jät hart nooh aan dr Rand geraten war und sich mühsam aus dem Graben heraus gewühlt hatte. Du bos janz nooh dran ist die Bestätigung dafür, dass eine Vermutung den Kern der Sache trifft. Dat jeht mir äwwer ärch nooh (Das geht mir aber sehr nahe) ist der Ausdruck psychischer Anteilnahme. Van nooh on feer (Von nah und fern) kam früher die Verwandtschaft op Pitteschdaach (Fest Peter und Paul) auf Besuch ins Heimatdorf, Pitteschdaach war ein Festtag für unseren Ort. (Siehe auch: noo)

Nookixel
Es gibt in der deutschen Sprache eine Reihe von Wörtern, die, von rückwärts gelesen, einen weiteren Sinn ergeben. Eins davon ist Nookixel, das umgekehrt zwar Lexikoon ergibt, aber als „Lexikon“ gelten kann. Als Lexikon kann auch das Nookixel angesehen werden, setzt es sich doch zusammen aus noo (nach) und kicke (schauen). Das ist noch deutlicher aus dem holländischen Wort „nakijken“ (nachschauen) ersichtlich. Das mundartliche Kixel (Kicksel) ist somit ein Nachschlagewerk. Unser Dörfer Lexikon kann als Nookixel für Dörfer Platt angesehen werden. Obwohl erst bei rund 750 Begriffen angelangt, ist mir längst bei der Erstellung klar geworden, welch enormer Zeit- und Arbeitsaufwand hierfür aufzubringen ist. Hut ab vor den Verfassern offizieller Nachschlagewerke mit zig-tausenden von Wörtern! Mein Lexikon aus dem Jahr 1976 beispielsweise umfasst 20 Bände mit jeweils 320 zweispaltigen Seiten, und mein Nookixel der neuen deutschen Rechtschreibung aus 1996 hat 1.472 dreispaltige Seiten. Überholt zwar, aber eine Rarität und immer noch interessant zu lesen ist der Neue Herder aus dem Jahr 1952, – drei dicke DIN A4-Wälzer mit insgesamt 5.070 Spalten. Dieses gewichtige Werk war mein erstes Nookixel, ein Geschenk meiner Eltern zum „Einjährigen“ (Mittlere Reife am Gymnasium). Heute genügen ein paar „Mausklicks“ und die ausführliche Erläuterung zum gesuchten Begriff erscheint auf dem Laptop. Und Doch: Allen superklugen Suchmaschinen zum Trotz, nehme ich nach wie vor immer wieder gerne eins meiner Nookicksel zur Hand.

Nool (hartes o)
An unserer Oberahr ein verbreitetes Dialektwort für den Nagel, die Mehrzahl lautet interessanterweise Nääl, während eigentlich Nööl zu erwarten wäre. Analog dazu heißt „nageln“ bei uns auch nicht nööle, sondern nääle. Nool steht für den Nagel jeglicher Art, sei es der Fongernool (Fingernagel), der unentbehrliche Drohtstef (Drahtstift) oder der Holznool (Holznagel), der früher aus Kostengründen in vielen Fällen den Metallnagel ersetzte. Kleine Holznägel waren beispielsweise die Penncher (weiches e), mit denen der Schuhmacher die Soll (Schuhsohle) an der Brandsoll (Brandsohle) befestigte. Wenn unglücklicherweise der Hammer statt des Nagelkopfes den Dommenool (Daumennagel) trifft, möchte der Unglücksrabe vor Schmerz en de Botz pisse, der Nagel wird schwarz, löst sich mit der Zeit ab und braucht fast ein Jahr, um wieder vollständig nachzuwachsen. Von ungewöhnlich langen Fingernägeln behauptet der Volksmund gelegentlich, dass man damit de Schwiejermoder üß dr Erd kratze könne. Ein gehässiges, wenn auch nicht ganz unberechtigtes Wort ist Sarchnool (Sargnagel) als Bezeichnung der Zigarette. Für den Schuster ebenso unentbehrlich wie Penncher, waren früher die dickköpfigen Schohnääl (Schuhnägel), mit denen derbe Schuhe – unter anderem die Soldatenstiefel – „beschlagen“ wurden. Die Nool ist nicht zuletzt auch unser Wort für die Nadel: Nähnool (Nähnadel) beispielsweise, Strecknool (weiches e, Stricknadel), Stoppnool (Stopfnadel) oder Sicherheitsnool. Die Sicherheitsnadel wird allerdings oft auch Spengel genannt.

Nooliese (hartes o)
Das „Nageleisen,“ eine Bezeichnung für verschiedenartige „Nagelwerkzeuge.“ In der Nagelschmiede diente das Nooliese als eine Art Spannvorrichtung für den Rohnagel beim Anschmieden des Nagelkopfes. Lorenz Greving aus Blankenheim betrieb von 1864 bis 1890 am Ahrhüüsje (Ahrhaus, Oberahreck) eine Nagelschmiede, den Bloosballech (Blasebalg) für das Kohlefeuer hielt ein Hund in einem Laufrad in Betrieb. Einen echten handgeschmiedeten „Römernagel“ zum Befestigen der Dachziegel, hat mir vor Jahren Ewald Schweiß aus Blankenheim geschenkt. Er wohnt unmittelbar am Gelände der Villa Rustica, den Nagel fand er in seinem Garten. Nooliese nennen wir auch den in verschiedenen Größen erhältlichen Nagelheber, meistens Nagelklaue genannt, deren enormer Hebelkraft kaum ein Nagel widerstehen kann. Ein weiteres Nooliese war schließlich der eiserne Driefooß (Dreifuß), auf dem der Dorfschuster die Schuhe besohlte und nagelte. Einen kleinen Dreifuß gab es im Krieg auch bei uns daheim. Das Gerät besaß eine Sohlenauflage für normalgroße Schuhe, eine weitere für Kinderschuhe und eine Dritte für Schuhabsätze. Unsere Mam (Mutter) hat auf diesem Eisenbock regelmäßig unsere, aus dem „Leim“ gegangenen Kinderschuhe notdürftig repariert. Für die Reparatur von Stiefeln gab es ein besonders geformtes kleines Sohleisen auf einem armdicken und stuhlhohen Holzstämmchen, das in den Stiefelschaft hinein passte. Unser kleiner Driefooß existiert noch.

nooloufe (hartes o)
Schlicht und einfach „nachlaufen“ in seinen diversen Anwendungen. Eine Version ist „anhaltend bitten, anflehen: Du wiësch dem Jeck doch net nooloufe (Du wirst diesem Narren doch nicht nachlaufen) suchte die Mutter den Liebeskummer der Tochter zu dämpfen. Mir loufe kejnem noo on beddele janz bestemp och kejne aan, dat hammer net nüedich (Wir laufen niemandem nach und betteln ganz bestimmt auch niemanden an, das haben wir nicht nötig) war ein großartiges Wort, das sich der stolze Besitzer von zwanzich Stöck Veeh em Stall selbstbewusst erlauben konnte. Das „Fangen-Spiel“ hieß zu unserer Kinderzeit einfach Nooloufe (Nachlaufen), im Winter gab es dazu eine ganz besondere Version: Auf dem Peisch (Wiese) vor dem Haus wurde ein möglichst großer Kreis in den Schnee getrampelt und die Fläche durch Querpfade in beliebig viele Segmente unterteilt. Auf diesen Pfaden spielten wir nooloufe, wer dabei „aus der Spur“ geriet, musste den „Fänger“ ablösen. Ein Noolöüfer war und ist ein „Nachläufer“ am ziehenden Fahrzeug, beispielsweise beim Langholztransporter. Ein schlimmes Erlebnis braucht manchmal lange Zeit, um einigermaßen überwunden zu werden. Das schwere Zugunglück vom 24. September 1958 zwischen Nettersheim und Urft, bei dem acht Menschen ums Leben kamen, ist mir jahrelang noojeloufe und verfolgt mich manchmal heute noch.

Noßdier
Wörtlich „Nusstier“, ein fiktives Wesen, das die Eltern als Abschreckung für uns Kinder erfanden, damit wir beim Nosse (wörtlich „nussen“ = Nüsse ernten) pfleglich mit den Haselsträuchern umgingen. Jede mutwillige Beschädigung der Noßhecke war verpönt und zog unweigerlich ein elterliches Donnerwetter nach sich. Und man konnte von Glück sagen, dass nicht das Noßdier die Untat beobachtet hatte und den Übeltäter bestrafte. Das Noßdier war mehr oder weniger angewandter Naturschutz. Nöss plöcke (Nüsse pflücken) oder auch en de Nöss john (wörtlich = in die Nüsse gehen) war früher bei sonnigem Septemberwetter eine beliebte Sonntagsbeschäftigung für die ganze Familie. Es gab Stellen, wo Haselgebüsch in wahren „Kolonien“ wuchs. Mit einem hakenförmigen Ast bog man die Haselstämmchen zu sich herab und wehe, wenn es dabei eventuell Bruch gab, denn das war dann ein Fall fürs Noßdier. Die „Ernte“ kam in einen länglichen schmalen Stoffbehälter, den Noßsack, der an einer Schnur um den Hals gehängt wurde und das Pflücken mit beiden Händen ermöglichte. Selbst gesammelte wilde Haselnüsse kamen gar nicht so selten auf den Weihnachtsteller, das Knacken war mühsam und zeitaufwendig, die winzigen Kerne aber schmeckten hervorragend.

Noßheck (weiches o)
Die Noßheck (Nusshecke = Haselstrauch) ist, ebenso wie die Schlenneheck (weiches e, Schlehenhecke = Schlehdorn) als Markenzeichen unserer Eifelheimat zu bezeichnen. Zu meiner Kinderzeit säumte Haselgebüsch jeden Weg- oder Waldrand, die vier Häuser von Schlemmershof waren geradezu „eingerahmt“ von Noßhecke und Eichengebüsch, in unserem Bongert (Wiese hinter dem Haus) war eine etwa drei Ar große Fläche von dichtem, fast undurchdringlichem Buschwerk bedeckt, das bis wenige Schritte ans Haus heran reichte. Ohm Mattes hat es in 1939 gerodet, eine einzelne Eiche und einen Wildkirschenbaum ließ er stehen, die Eiche fiel nach dem Krieg der Säge zum Opfer, der uralte Kirschbaum ist heute (2016) noch da. Die schnell wachsenden jungen Haseltriebe lieferten das Material für Werkzeugstiele vielfacher Art. Ging beispielsweise bei der Heuernte eine Reichelsfurk (Gabelstiel des Rechens) zu Bruch oder mussten neue Köhsteckele (Hirtenstöcke) her, so schnitt man sich die einfach in der nächsten Noßheck. Haselstämmchen wurden zu dünnen Schenne (weiches e, Schienen) gespaltet und daraus stabile Körbe geflochten. Und im Herbst ging die ganze Familie auf die Haselnussernte, nosse (wörtlich = nussen) hieß dieses Einsammeln. Die getrockneten Nüsse wurden an langen Winterabenden massenweise geknackt, die winzigen, aber süßen Kernchen waren bei jedermann begehrt. Auf halbem Weg zwischen Blankenheim und dem „Russenkreuz“ liegt der Nussheckerhof von Bernard Klein, so genannt, weil der Flurbereich dort „An der Nusshecke“ heißt. Zu meiner Kinderzeit hieß das Anwesen „Hermannsruh.“ (Siehe auch: Noßdier).

nötzer (weiches ö)
Der Begriff kommt in einer Reihe von Anwendungen vor und bedeutet unter anderem „nützlicher, zweckmäßiger, besser, lieber, eher.“ Das Wort ist unverkennbar von nötzlich hergeleitet, für unsere Eltern gehörte es zum Alltag, während es heute so gut wie ausgestorben und nur noch ein paar Senioren geläufig ist. Du wärs nötzer Mürer jewore (Du wärst besser Maurer geworden) rügte früher der Chef seinen Angestellten, dem die Büroarbeit nicht von der Hand ging. Du solls dech nötzer öm deng Schollaufjabe kömmere (Du solltest dich lieber mit deinen Schulaufgaben befassen) riet mir Mam (Mutter), wenn sie mich bei der Winnetou-Lektüre erwischte. Nötzer ene Flecklappe op de Botz als wie dren e Lauch (Ein Flicklappen auf der Hose ist zweckmäßiger als ein Loch darin) lautete eine Begründung für das Tragen von geflickten Kleidungsstücken. Dat hätt ech nötzer blieve jelosse (Das hätte ich besser bleiben gelassen) war eine meist zu späte Erkenntnis. Dieselbe Situation einer späten Erkenntnis umschrieb man gelegentlich mit einem „fiesen“ Zitat: Do hätt ech mir doch nötzer en de Botz jedresse, – lieber in die Hose gemacht, das war schon massive Reue. Und wenn ein Haustier notgeschlachtet werden musste, tröstete man sich über den Verlust hinweg: Nötzer jestorve als wie verdorve (Besser gestorben als verdorben).

Nuckes
Mohr kött dr Baales os Nuckes schlaachte
, kündigte Ohm Mattes an und das hieß, dass am nächsten Tag Hausmetzger Theodor Baales unser Schwein schlachten würde. Nuckes war allgemein unser Wort für das Hausschwein beiderlei Geschlechts, vielfach war auch der Ausdruck Küss gebräuchlich. Zur Definition des Geschlechts wurde das weibliche Tier Kreem genannt, das männliche (kastrierte) Gegenstück war der Bärch. Die Zuchtsau war die Ferkels-Sou, der Zuchteber wurde Bier genannt. Das Ferkel war ein Nückesje. Unser Wort für das Wildschwein war well Sou (wilde Sau). Während Sou (Sau) das Schwein im negativen Sinn bezeichnete, war Nuckes das Gegenteil, nämlich ein sehr positives Wort für das Hausschwein als Fleischlieferant: Os Nuckes hät joot jät op de Reppe (…ist gut gemästet). Im Krieg war bei uns im Geheimversteck ein „schwarzes“ Ferkelchen hochgepäppelt worden und sollte im Urlaub von Ohm Mattes heimlich geschlachtet werden. Als man das Tier aus dem Versteck holen wollte, lag es tot da: Rotlauf. Der Weltuntergang hätte nicht fürchterlicher sein können und Mam jammerte: Os Nuckes os kapott (wörtlich = ist kaputt). Der Tod eines Tieres wurde allgemein mit kapott john umschrieben. Zu allem Unglück musste der Kadaver unserer Nuckes auch noch klammheimlich „entsorgt“ werden: Wir hatten das Tier „dem Führer vorenthalten,“ wehe uns, wenn dieser Verrat am deutschen Volk bekannt geworden wäre.

Nuët
Im Kölner Dialekt heißt es „Nut“ und der Holländer sagt „Nood,“ unser Nuët bedeutet dasselbe, nämlich die „Not.“ Wir kennen zwar auch die „Nut,“ doch bezeichnen wir damit eine Rille, beispielsweise beim Nut- und Federbrett. Nuët ist des Weiteren unser Wort für die Musiknote, die aber erscheint fast nur in der Mehrzahl: Nuëte. Es gibt eine Unzahl von Redewendungen und Sinnsprüchen im Zusammenhang mit der Not. Dass die Not uns beten lehrt, ist auch heute noch nicht von der Hand zu weisen, unsere Eltern brachten es noch deutlicher zum Ausdruck: Nuët brich Iese, liehrt äwwer och bedde und das hieß, dass Not den Menschen stark, aber auch bescheiden macht. Ein anderes weises Wort: Wä Neider hät, dä hät Bruët, wä er kejn hät, dä hät Nuët (Wer Neider hat, hat Brot, wer keine hat, hat Not) und das heißt frei übersetzt „Freunde in der Not gehen tausend auf ein Lot.“ Von einem schwerkranken Menschen sagt man hinter der Hand: Dä sitt üß wie de Nuët Joddes (Der sieht aus wie die Not Gottes). Ein Nuëtbehelef (Notbehelf) ist ein Provisorium, beispielsweise gab es nach dem Krieg Bindfaden aus Papier als Nuëtbehelef unter anderem für den Mähbinder. Einen Nuëtjrosche (Notgroschen) sollte jedermann auf seinem Sparkonto haben, und keiner lässt sich gerne als Nuëtstoppe (Notstopfen) missbrauchen. In Nuëtwehr (Notwehr) darf man den Gegner auch schon mal KO schlagen, und der Nuëtstall (Notstall) war mir schon in meiner Kindheit verhasst (siehe: Nuëtstall).

Nuëtjeld
Auf Anhieb scheint es uns mehr als unwahrscheinlich, dass es so etwas wie „Ersatzgeld“ überhaupt gibt. Wer unterdessen die Währungsreform am 20. Juni 1948 noch miterlebt hat, der kennt sich sehr wohl mit „Notgeld“ aus. In der Zeit zwischen Kriegsende und Währungsreform hatten die Leute zwar Geld, es gab aber nichts zu kaufen. Damals bezahlte man „unter der Hand“ mit Zigaretten, das war echtes Nuëtjeld. Mit Einführung der Deutschen Mark wurde die Reichsmark ungültig, sie konnte allerdings zunächst noch im Verhältnis 1:10 eingetauscht werden. Ich hatte im Krieg eine ganze Sparbüchse voller 50-Pfennig-Stücke gesammelt, die ich auf der Blankenheimer Kirmes verjubeln durfte: Vier der federleichten Alu-Münzen für eine Karussellfahrt. Dieser DM-Ersatz war im Handumdrehen „verprasst.“ Wenige Tage nach der Währungsreform fand ich auf dem Heimweg von Steinfelder Gymnasium im Straßenmatsch in Urft ein Mäppchen mit 71 neuen DM in Scheinen (DM-Münzen gab es noch nicht). Trotz Aushang durch den Urfter Bürgermeister meldete sich kein Verlierer, auch später nicht beim Fundamt Schleiden. Wir erhielten den gesamten Betrag ausgehändigt, die Eltern taten noch ein paar Mark dazu und ich bekam einen nagelneuen blauen Sonntagsanzug. Von echtem Nuëtjeld wussten früher unsere Eltern zu berichten: Von der Hyperinflation 1923 mit Geldscheinen im Wert von Milliarden und Billionen Mark. Aus dieser Zeit stammt die Geschichte vom Bauern, der sich in einer Kölner Bäckerei ein Brot kaufen wollte und hierfür eine Schubkarre voller Geld mit sich führte. Die stellte er vor dem Laden ab und verhandelte mit dem Bäckermeister. Als er zurückkam, lag da ein Haufen Geld auf der Straße: ein Dieb hatte die Karre geklaut, die zigmal mehr wert war als das bedruckte Papier.

Nuëtjled
Ein Schelm, wer bei diesem Wort auf irgendwelche Hintergedanken kommen sollte. Nuëtjled nämlich bedeutet „Notglied,“ ist ein Reparaturteil für beschädigte Ketten und wird in der Metallindustrie in den verschiedenartigsten Bauformen hergestellt. Notglieder gibt es im modernen Baumarkt in allen gängigen Größen und Stärken, vom einfachen Kettenverbinder über Schraub- oder Deltaschraubglieder und Karabiner bis zum Schäkel. Eine zerrissene Kette beispielsweise auf der Baustelle bedeutet Ärger, ein Nuëtjled kann solchen Ärger im Handumdrehen beseitigen. Kettenglieder unterliegen, wie jedes Material, dem natürlichen Verschleiß und der Korrosion, beispielsweise die Zugketten beim Ackerwagen. Irgendwann nach dem Krieg war ich mit Ohm Mattes beim Holzabfahren auf Bierther Hardt (Flurbezeichnung), wo wir ein paar Ar Buchenwald besaßen, als bei unserer Schwitt (Tiername) die äußere Zugkette riß. Für derartige Fälle trug Ohm Mattes immer wenigstens ein Nuëtjled in der Jackentasche, einen kleinen Vorrat dieser nützlichen Hilfsglieder verwahrte er daheim im „Ersatzteil- und Werkzeuglager“ op dr Trapp (auf der Treppe = bei uns ein Abstellboden unter der Speichertreppe). In seinem Geschäft aan Jierdrögge in Blankenheimerdorf, führte Eberhard Bell noch lange Jahre nach dem Krieg seine bekannte „Metallabteilung“ mit Bedarfsartikeln für die Landwirtschaft. Hier gab es unter anderem Eisenketten aller gängigen Größen und selbstverständlich auch die zugehörigen Nuëtjledder.

Nuëtstall
Wörtlich „Notstall“, in der Schmiede der enge Käfig aus massiven Holzbalken oder Eisengestänge, in den die Gespanntiere zum Beschlagen eingesperrt und zum Stillhalten gezwungen wurden. Das Deutsche Wörterbuch (Grimm) kennt den Ausdruck Nothstall und bezeichnet damit „eine gewaltsam enge umschränkung, ein noth verursachendes gestelle, gerüste.“ Als Kind habe ich den Nuëtstall gehasst, in meinen Augen war er ein Folterinstrument, in dem unserer Schwitt (Kuhname) fürchterliche Schmerzen zugefügt wurden, was aber im Regelfall ja gar nicht der Fall war. Einmal aber ging bei Pent-Köbes (Jakob Pint) in der Waldörfer Schmed (Schmiede in Waldorf) der Unglücksnagel beim Beschlagen unserer Rüët „ins Leben“ (durchs Horn des Hufes ins lebendige Fleisch), das Tier keuchte und tobte im Nuëtstall und musste zudem auch noch auf drei Beinen stehen, weil der zu beschlagende linke Vorderhuf am Querbalken hoch- und festgebunden war. Ich war damals sieben oder acht Jahre alt und hätte Pent-Köbes am liebsten umgebracht. Bei großer Angst oder Aufregung reagiert der menschliche Körper häufig mit unkontrollierten Ausscheidungen: et jeht jät en de Botz (es geht etwas in die Hose). Dieser natürliche Vorgang ist auch bei manchen Tieren im Nuëtstall zu beobachten. Da unterdessen Schwitt oder Rüët keine Hose tragen, sammelt sich die „Geschichte“ auf dem Boden des Käfigs, und das sieht der „Herr des Hufeisens“ absolut nicht gerne: Er muß schließlich für die Entsorgung Sorge tragen

Nüggel
Dä Klein, der moß ne Nüggel han
textete seinerzeit Willi Ostermann in einem Kölner Karnevalsschlager. Dat Klejn jitt sech net en de Rouh, jeff dem ens dr Nüggel (Die Kleine schreit andauernd, gib ihr mal den Schnuller) beauftragte mich Mam, weil mein Schwesterchen keine Ruhe gab. Nüggel ist der landläufige Ausdruck für den Babyschnuller, der dem kleinen Schreihals als Nahrungs- und Beruhigungsquelle dient. Andere Namen sind Nuckel, Nuck oder auch Lötsch (von lötsche = lutschen). Bevor der Nüggel in Gestalt des heutigen Gummisaugers aufkam, war die Lötsch im Gebrauch, ein kleines Stoffbeutelchen, mit Zucker gefüllt und dadurch „schmackhaft“ gemacht. Die Funktion eines solchen „Beruhigungsbeutels“ hat Wilhelm Busch im zweiten Kapitel seiner Jobsiade in herrlichen Zeichnungen dargestellt. Ein Nüggelche war eigentlich ein kleiner Nüggel, wurde aber auch als Kosewort für das Kleinkind gebraucht: E leev klejn Nüggelche. Das vom Hauptwort abgeleitete Zeitwort ist nüggele oder auch nuckele. Lambert fühlte sich etwas onpäßlich (unwohl) und die Stammtischbrüder ärgerten sich: Wat nüggels du höck en halev Stond an ejnem Bier eröm. Eine halbe Stunde Herumnuckeln an einem einzigen Glas Bier, da sträuben sich dem Freund des edlen Gerstensaftes doch tatsächlich die Haare.

Nümöeder
Nahe bei unserem Haus gab es zu meiner Kinderzeit an der Jass (Gasse) ein gut drei Meter hohes uraltes Schlehdorngestrüpp, kurz de Heck (die Hecke) genannt. Auf den ungemein spitzen und harten Dornen fanden wir immer wieder aufgespießte Insekten, Käfer oder auch Hummeln und ähnliches Getier. Lehrer Josef Gottschalk erklärte uns in der „Naturkunde,“ dass dieses Aufspießen die Arbeit des „Neuntöters“ sei, der auf solche Art seine Jagdbeute verwahre. Aufmerksam geworden, entdeckten wir bald auch den relativ großen Vogel mit braunem Rücken und hellem Bauch, der oft auf einem hohen Ast hockte und auf Beute lauerte. Manchmal wurde aber der Jäger selbst zur Beute, denn Vater machte gelegentlich mit seinem Flobert (Kleinkalibergewehr) Jagd auf den Nümöeder, wie der Vogel im Volksmund hieß. Der Name bedeutet „Neunmörder“ und entspricht somit der offiziellen Bezeichnung. Es hieß früher, der Nümöeder würde erst dann mit dem Verzehr beginnen, wenn er neun Beutetiere gefangen und aufgespießt hätte, daher der Name. Der Dialektausdruck ist heute kaum noch bekannt, der Kölner sagt übrigens „Nüngmöder.“

Nüsele
Für unser Bestes, unser Geld, gibt es eine Unmenge von Ausdrücken sowohl in der Standardsprache als auch im Dialekt. Wir kennen beispielsweise Knete, Zaster, Pinkepinke, Kohle, Penunzen. Ein heimisches Wort ist Nüsele, lokal auch Nösele. Zeigt ein junges Mädchen Interesse für einen älteren Herrn, so tuschelt man hinter der Hand: Dat well doch nur an dem seng Nüsele. Dass er sich „nur“ ein gebrauchtes Auto gekauft hatte, begründete Schäng (Johann) so: Die paar Nüsele, die ech verdeene… (bei meinem geringen Verdienst…). Ein häufiger Stoßseufzer des Kleinen Mannes ist: Ene Jelddresser mööt mr han (Einen Geldscheißer müsste man haben). Eine fällige Rechnung wird dem Schuldner mit den Worten Zahlemann und Söhne präsentiert, und wer ein gutes Geschäft abgeschlossen hat, der hat einen Reibach gemacht. Ein weises und unabdingbar wahres Wort besagt Geld regiert die Welt, und die ganz Klugen vertreten den Standpunkt: Övver de Nüsele sprich mr net, die hät mr (Über Geld spricht man nicht, das hat man). Wer vor einem halben Jahrtausend die nötigen Nüsele besaß, konnte sich sogar von der Hölle loskaufen. Da nämlich verkündete der Prediger Johann Tetzel (1460 bis 1519) in seinem Ablasshandel für den Bau des Petersdoms: Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt. Und schließlich wird auch heute noch behauptet: Geld stinkt nicht. Das bestreite ich ganz entschieden. Beschnuppern Sie probeweise einmal ein paar Euro-Münzen und Sie stellen fest: Denen haftet ein widerlicher Metallgeruch an.

nüüß
Dat oß äwwer nüüß mieh Jenaues
war eine häufig gebrauchte Redewendung in schwierigen Situationen, wenn sozusagen „guter Rat teuer“ war. „Das ist aber nichts mehr Genaues“ lautet die Übersetzung, richtig wäre „…nichts Genaues mehr,“ seltsamerweise fand aber der kuriose Wortbau Anwendung. Nüüß ist eine Steigerung von „nix“ (nichts) und könnte auch durch „jar nix“ (gar nichts) ersetzt werden. Unserem mundartlichen nüüß entspricht das artverwandte holländische Wort „nooit.“ Eine weitere Redewendung war: Dat notz mech nüüß (Das nützt mir nichts), und wenn wir Pänz allzu neugierig den Karton voller alter Zeitungen und Kalender durchstöberten, gab es unvermutet eine Uhrwatsch (Ohrfeige) und Jött meckerte: Loß de Fongere (die Finger) dovan, dat jeht dech nüüß aan. Früher war auch das Wort onjenüüßelich im Umlauf und das bedeutete habgierig, ungenügsam, unbescheiden. Von einem raffgierigen Zeitgenossen behauptete man: Dä oß derart onjenüüßelich, dä krett dr Hals net voll. Die kategorische Distanzierung von einer Sache oder Situation, der man nicht so recht traut, lautet: Jank mir fott, domot well ech nüüß ze dohn han (Geh mir weg, damit will ich nichts zu tun haben). Es gibt die mehr oder weniger weisen Redewendungen nüüß on nüüß jit nüüß oder auch van nüüß kött nüüß, analog daraus die Schlussfolgerung wo nüüß os, kann mr och nüüß holle. Einer Übersetzung bedarf es hier wohl nicht.



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