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24.09.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Kirmeserinnerungen
von Johann Vossen

Die Kirmes ist auch im Zeitalter des Computers noch d a s Jahresfest im Eifeldorf, die Jugend ist bemüht, den althergebrachten Brauch zu erhalten und zu pflegen. Dass man sich dabei zeitgemäßer und fortschrittlicher Mittel bedient, ist selbstverständlich, und somit bleibt es nicht aus, dass wir heute ein wenig „moderner“ Kirmes feiern als vor 60 Jahren. Ein paar „Äußerlichkeiten“ mussten sich dem Fortschritt und der Moderne anpassen, die Grundzüge der Kirmes – Ausgraben, Umzüge, Kirmeslied, Häusertaufe, Hahnenköppen, Begraben – sind erhalten geblieben und werden sich auch künftig kaum ändern.

Hinsichtlich des Kirmesrummels war zu unserer Kinderzeit Blankenheim die „Zentrale“ an unserer Oberahr, hier verpulverten wir „Pänz“ unsere gesparten Groschen und Pfennige an den Kramständen oder auf dem Ketten- und Pferdekarussell, die sich vor dem Schulgebäude und am Weiher etabliert hatten. Das Rathaus gab es noch nicht, auch nicht das Parkhaus, auf dessen Gelände damals im unteren Teil das Kirmeszelt stand.

1962 Häusertaufe auf Hochstein, Sesterhalle,  Foto Ingrid ErharterMit dem Kirmeszelt ist ein unvergessliches Erlebnis verbunden, das ich bereits an anderer Stelle erwähnt habe. Ich möchte unterdessen hier nochmals darauf zurückkommen, weil es in die Kirmeserinnerungen passt: Es war irgendwann in den 1950er Jahren, mit Vetter Ferdi Müllenmeister und Cousinchen Christel hatte ich im Zelt Kirmes gefeiert und begleitete die Verwandtschaft die wenigen Schritte bis zu ihrem Haus auf dem „Driesch,“ heute Nonnenbacher Weg. Auf dem Rückweg sprang aus dem Gebüsch am „Klösterchen“ eine Gestalt hervor und packte mich an der Kehle: „Ab sofort läß du de Fengere van dem Mädche oder ech drähen dir dr Hals eröm“ (Ab sofort lässt du die Finger von dem Mädchen oder ich drehe dir den Hals um). Der Mann war aus Blankenheim und ein paar Jahre älter als ich, wir kannten uns und erst nach langem Reden ließ er sich davon überzeugen, dass meine Finger noch nie an dem Mädchen waren und auch nie drankommen würden. Unsere Verwandtschaft war ihm bis dahin nicht bekannt, er sah in mir einen Rivalen. Er ist bereits vor Jahren verstorben, Cousinchen Christel hat er nicht erobert.

Auch zu uns ins „Dörf“ kamen nach dem Krieg gelegentlich kleinere Fahrgeschäfte, eine Mini-Raupenbahn ist mir noch im Gedächtnis und eine Schiffschaukel. Auch ein paar Buden waren meistens da, an einen Budenbesitzer namens Riesenbürger kann ich mich noch erinnern, er war aus Marmagen und verkaufte Süßigkeiten. Jahrelang war auch „Neuens Pitter“ aus Euskirchen mit seiner modernen Schießbude da. Als einer der Ersten bot Pitter seiner Kundschaft „Strahlenschießen“ an: Mit dem Spezialgewehr schoss man auf einen beweglichen Bären, der beim Treffer ein fürchterliches Brummen von sich gab. Mit der Zeit blieben die Attraktionen mehr und mehr aus, auf unserer Martinskirmes ist es oft schon empfindlich kalt und die Schausteller verdienten kaum noch „et Salz en dr Zupp.“ Leidtragende waren in der Hauptsache unsere Kinder, für die es dann aber ab 1971 einen „Kirmesersatz“ in Gestalt des neu eingeführten Wiesenfestes „Für os Pänz“ gab.

1962 Häusertaufe, Fähnrich Dieter Klaßen, "Dier" Manfred Reetz,  Foto Ingrid Erharter   Wie hoch früher eine Kirmes im Kurs stand und was sie für die Dorfbevölkerung bedeutete, geht allein schon aus der Tatsache hervor, dass von Samstag bis Dienstag an allen vier Abenden Ball im Dorfsaal war. Und am Sonntag darauf wurde sogar noch „Nachkirmes“ gefeiert. Bei uns war damals sowohl im Saal Friesen als auch im Saal Buhl Tanz und beide Lokale brauchten sich über mangelnde Besucherzahlen nicht zu beklagen. In den Nachkriegsjahren gab es in vielen Ortschaften „Tanzkapellen,“ die sich größter Beliebtheit erfreuten und vielfach schon ein Jahr im Voraus für die Kirmes „festgemacht“ wurden. Sehr gefragt waren beispielsweise die „Burgschwalben“ aus Reifferscheid, Andreas Stollenwerk aus Olef, Willi Mies und Johnny Wegmann aus Kall. Aus Mechernich kamen „Die fünf Spatzen,“ die unter anderem auch beim „Möckeball“ in Nonnenbach aufspielten. Mit dem Fortschritt der Technik modernisierten sich auch die Musikvereine, aus der anfänglichen Tanzkapelle wurde sehr bald die „Band“ mit modernen Tonverstärkern und brüllenden Lautsprechern.



1962 Häusertaufe, Zugteilnehmer,  Foto Ingrid Erharter
Mit Johnny Wegmanns älterem Bruder Willi verbinden mich einige unvergessliche Erlebnisse aus meiner Ausbildungszeit beim Bahnhof Kall. Willi war bei der Post beschäftigt und wie sein Bruder, ein großer Musikfreund. Willi und ich feierten die Kaller Kirmes und beschlossen nach einem Thekenbesuch in der Gaststätte Guse: „I combinier, we drink a Bier bei Gier.“ Guse und Gier waren zwei benachbarte Lokale an der Aachener Straße nahe der Kirche.

Ein anderes Mal sangen Willi und ich am Kirmesmontag in der Fahrkartenausgabe am Bahnhof morgens um 4,15 Uhr lauthals „Stille Nacht, heilige Nacht,“ – und etliche Reisende in der Wartehalle sangen begeistert mit. Stille Nacht im August! Ich hatte Frühdienst am Fahrkartenschalter, wir hatten Kirmes gefeiert, Willi war mit mir gekommen. Um wach zu bleiben, schmetterten wir diverse Lieder in die Morgenstille, unter anderem „Stille Nacht.“ Das sollte heute mal einer wagen! Kundenbeschwerden und fristlose Entlassung wären das Mindeste. Damals, vor fast 60 Jahren, sang unsere Kundschaft mit.

Zusätzlich zu den Tanzveranstaltungen im Saal, war bei „Krämesch Erwin“ in Blankenheimerdorf an allen vier Abenden vergnügliches Kirmestreiben mit einem Alleinunterhalter. In bester Erinnerung ist hier noch „Körner Jupp“ am Keyboard, der früher bei den Burgschwalben spielte. Erwins Kneipe war an diesen Kirmesabenden gerammelt voll, wer einen Tischplatz erwischen wollte, der musste schon zwei Stunden vor dem „Start“ zur Stelle sein. Ähnlich war es beim Frühschoppen nach dem Sonntagshochamt: In Dreierreihe knubbelten sich die Besucher vor der Theke.

In den 1970er Jahren hatten wir uns mit fünf oder sechs Ehepaaren zusammengetan und feierten gemeinsam. Nicht nur Kirmes, unvergessen bleiben auch die diversen Garagen-, Garten- oder Schuppenfeste, die sehr oft ganz spontan zustande kamen und dann zum Erlebnis wurden. Initiator und ständige Triebfeder war damals mein lieber Freund und Nachbar Heinrich Klaßen („Austengs Hein“), der leider im Oktober 1988 mit nur 51 Jahren hat sterben müssen. Als Hein nicht mehr bei uns war, kam auch das Aus für unseren „Club.“

1967 Hahnenköppen an "Krämesch Eck,"  Foto Johann VossenZu Heins Zeiten war „Tisch 17“ unser Kirmes-Stammtisch bei Krämesch Erwin, ganz hinten in der Ecke zur Straße hin. Wenn dieser Tisch erzählen könnte! Ohne Übertreibung darf ich behaupten, dass unser Tisch 17 für den Wirt und nicht zuletzt für die Bedienung ein „guter“ Tisch war. Zur Bedienung gehörte viele Jahre hindurch Hubert Böhmer aus Mechernich. Er war bei der Bundesbahndirektion in Köln beschäftigt und somit mein Bahnkollege. Böhmer-Hubert behielt den Tisch 17 ständig im Auge, ein bestimmtes Zeichen genügte, und Minuten später stand eine neue Lage auf dem Tisch. Es war erstaunlich, wie sich der nicht gerade riesenhafte Hubert wieselflink und mit gefülltem Tablett ohne zu „schlabbern“ seinen Weg durch die „Volksmassen“ bahnte. Selbstredend war in der Runde für Tisch 17 auch ein „Hörnerwhiskey“ für die Bedienung enthalten.

Nicht selten räumte die „Besatzung“ von Tisch 17 als Letzte das Lokal, so gegen vier Uhr morgens. Je nach Feierlaune gab es dann bei einem der Teilnehmer in der Wohnung noch eine Fortsetzung. Einmal wartete bei uns daheim ein mächtiger Pott voll eingelegter Heringe auf die Spätheimkehrer. Dazu gehörten frische „Quellmänn,“ (Pellkartoffeln). Hubert wurde beauftragt, Quellmänn zu besorgen, kam aber achselzuckend zurück: „Erwin määd kejn Quellmänn mieh.“ Rund um uns herum wurden bereits die Stühle auf die Tische geräumt und der Kehrbesen demonstrativ ans Kopfende unserer „Tafel“ gestellt. Ohne Quellmänn waren wir aber nicht zum Aufbruch zu bewegen. Erst als Gertrud Simmler uns einen halben Eimer dampfende Quellmänn vor die Nase stellte, zogen wir ab, Werner Prasmo schwenkte triumphierend den Kartoffeleimer. Daheim wurde es dann bei „Herring mot Quellmänn“ noch einmal recht gemütlich, zumal da auch noch die eine oder andere Kiste Bier herum stand.


1981 Hahnengericht mit Austengs Hein und Harry De Greff,  Foto Archiv VossenHäusertaufe und Hahnenköppen waren und sind die hervorragenden Ereignisse im Kirmesgeschehen. Im Gegensatz zu früher ist heute das Hahnengericht insofern straffer organisiert, als die Akteure rechtzeitig vor dem Fest zusammentreten und sich ihre Vortragstexte selber zusammenbauen. Damals wurden kurz vor Beginn des Hahnenköppens aus der Schar der Kneipenbesucher Freiwillige fürs Gericht zusammengesucht. Man bekam einen Zettel mit dem festgelegten Redetext in die Hand gedrückt, eine kurze Besprechung, und das Spektakel konnte beginnen. Es gab auch keine „Gerichtskleidung,“ die heutigen Talare wurden erst in den 1970er Jahren angeschafft. Die ursprüngliche Amtsrobe, das waren linksgedrehte Mäntel, Jacken und Kopfbedeckungen aller Formen und Farben.

Wie der vorzutragende Text, so waren auch die Namen der „Amtspersonen“ immer dieselben. Ein Text aus dem Jahr 1958 liegt vor, aus dem die Namen ersichtlich sind: Stanislaus von Faulei (Richter), Johann Josef von Hahnenköttel (Staatsanwalt), Thadeus Rappelsklos (Verteidiger), Peter Doppelei, Joachim Scharlingsei, Ferdinand von Pöllenkamm und Michael von Hahnenfeder (Geschworene). Angeklagt war immer der Junker Theobald von Kamm und Knibbel. Inzwischen wird die „Gerichtsverhandlung“ nach Möglichkeit dem aktuellen Dorfgeschehen angepasst, es gibt immer wieder neue Gags. Einmal hatten wir mit Peter Benens aus Blankenheim einen echten Anwalt in unserer Gerichtsrunde, ein anderes Mal wurde der Angeklagte durch einen echten „Schupo“ vorgeführt. Man sieht: Beim Dörfer Hahnengericht spielte sogar der lange Arm des Gesetzes mit. Im Jahr 1998 versuchten wir eine Rekonstruktion des Ur-Hahnengerichts, – mit mäßigem Erfolg: Die jüngeren Zuschauer wussten mit unserer „Dienstkleidung“ und den alten Texten wenig anzufangen.

Der Kirmeshahn musste ordnungsmäßig getötet werden, bevor er geköpft werden durfte. Das geschah meistens durch den so genannten „Schnabelstich“ und hatte den Vorteil, dass der geköpfte Hahn anschließend zubereitet und als Leckerbissen beim abendlichen „Hahnenball“ im Saal versteigert werden konnte, was dem Ballveranstalter ein paar willkommene Zusatzgroschen eintrug. In der Regel wurde der Braten „vor Ort“ am Tisch des Gewinners verspeist. Ein Hahnenball vor etwa 50 Jahren im Saal Fries in Reetz ist mir noch Erinnerung. Dort wurde der gebratene Kirmeshahn aus der Hotelküche geklaut, was beinahe zu einem Saalaufstand geführt hätte.

1996 Das Hahnengericht am Stationsschild an der "Trift,"  Foto Archiv VossenDas Hahnenköppen ist nicht unumstritten. Bei uns stoppte einmal ein Auto, eine „Dame“ stieg aus und erboste sich mit „huch“ und „hach“ bei ihrem Begleiter über die „barbarische Metzelei,“ die man „diesem Bauernpack doch verbieten müsste.“ Niemand zwang die Erzürnte, zu gaffen bis der Hahnenkopf ab war, – sie tat es aber. Wenn bei uns ein fach- und tiergerecht getöteter Hahn geköpft wird, so fand man das abscheulich. Wenn in Spanien lebendige Stiere elend zu Tode gequält wurden, oder wenn sich beim Hahnenkampf in Mexiko zwei lebende Tiere gegenseitig zerfleischten, so begeisterten sich die deutschen Touristen: „Das musst du  gesehen haben.“ Kein weiterer Kommentar.

„Fressbuden“ sind heute bei jeder Veranstaltung dabei, damals kannten wir eine Frittenbude nicht einmal dem Namen nach. Der Hunger war unterdessen derselbe wie heute, und so strebte man intensiv nach Kirmesnahrung. In Krekel beispielsweise machten wir einer Hausfrau weis, ihr Sohn Fränz, den wir vom Fußball her kannten, habe uns zu ihr geschickt, weil wir Hunger hätten. Es gab in dem Haus gar keinen Sohn, die Frau hatte aber schon Kaffee und Kuchen herbei geholt und meinte nun treuherzig: Ihr seid nun einmal da, nun lasst es euch auch schmecken.“ Heute wäre das handfester Hausfriedensbruch.

1997 Hahnengericht mit echtem Polizeibeamten,  Foto Hejo MiesMit einigen Bahnkollegen war ich einmal auf der Kirmes in Weyer. Wir verspürten Appetit auf eingelegte Gurken und Kollege Jupp führte uns kurzerhand zu einem kleinen Fachwerkhaus nahe dem Saal. Nach längerem Klopfen und Rufen erschien ein altes Mütterchen im Nachthemd. Wir erzählten ihr, dass wir auswärtige Kirmesbesucher seien und Lust auf eingelegte Gurken verspürten, und ob sie uns da nicht aus der Not helfen könne. „Endauch, ech han e Döppe Jurke“ (Doch, ich habe einen Topf Gurken), meinte sie erstaunt und verschwand eilfertig im Hintergrund der Küche. Als sie zurückkam, trug sie ein „Stejndöppe“ (Steintopf, Keramiktopf) im Arm, aus dem es verlockend duftete. Im Handumdrehen war der Topf leer, wir zogen gurkenkauend zum Saal hinüber, zurück blieb ein völlig ratloses Hausmütterchen.

Ehrenhalber sei gesagt, dass Kollege Jupp zwei Tage später auftragsgemäß in den leeren Gurkentopf einen Zehnmarkschein tat. Das wurde zwar dankend angenommen, war aber eigentlich gar nicht notwendig. Es war bereits ein frischer Gurkentopf angelegt und „de Tant“ verkündete eifrig: „Näks Johr Kirmes maachen ech e extra Döppe Jurke für öch,“ sie würde also im nächsten Jahr für uns einen Extrapott Gurken bereithalten. Wir sollten also wiederkommen und waren jetzt schon eingeladen! Das war vor 50 Jahren, wir hatten in Weyer einen Heidenspaß und die „Geschädigte“ freute sich, dass sie uns eine Freude hatte bereiten können. Diesen „Fall“ auf heute übertragen, – nicht auszudenken.

Hahnengericht wie zu Opas Zeiten,  Foto Hejo MiesDie Kirmes in Hecken (Gemeinde Hellenthal) war unsere Lieblingskirmes. Einmal hatte eine „Dörfer Abordnung“ Samstag abends in Hecken „gehext.“ Ich selber war nicht dabei, weil ich Spätdienst hatte, am Sonntagmorgen flatterte aber vor unserem Haus die Heckener Kirmesfahne. Wie und warum sie ausgerechnet an unseren Gartenzaun kam, ist bis heute nicht geklärt. Es fuhren aber zwei Autos vor und acht junge Männer aus Hecken nahmen mich in ihre Mitte. Die „Mannschaft“ war offensichtlich kämpferisch gestimmt. Ich sah drohend geschwungene Fäuste und nur mit knapper Not gelang mir die glaubhafte Erklärung, dass ich die Fahne nicht geklaut haben könne, weil ich gar nicht auf der Heckener Kirmes war. Nachdem sie mich eingehend gemustert hatten, gaben die Kerle ehrlich zu, dass keiner von ihnen mich auf der Kirmes gesehen habe. Sie packten ihre Kirmesfahne ein, kündigten für den Wiederholungsfall „schwere Vergeltung“ an und zogen heimwärts.


Damals war auch der Dienstvorgesetzte ein Mensch und Kollege. Kirmes in Scheven, ich hatte Nachtdienst im Bahnhof und dabei gab es eine Zugpause von 0,30 bis 4 Uhr morgens. Gegenüber dem Bahnhof war die Gaststätte Mies. Bei mir war mein Bahnkollege Jakob Knorr aus Reetz. Als wir die Kneipe von „Mieße Hännes“ betraten, saßen da vier oder fünf weitere Kollegen und unter ihnen – Oberinspektor Theo Brüllingen aus Kalenberg, der Chef vom Bahnhof Kall, mein Dienstvorgesetzter. Der Alte! Päng! Auweia! Verschwinden ging nicht mehr, wir waren schon gesichtet worden. Zögernd bestellten wir uns an der Theke ein Bier, – eine Kirmeslimo wäre absolut unglaubwürdig gewesen. Theo kam auf uns zu und ich bereitete mich auf ein Donnerwetter vor. „Na Vossen, haste Nachtdienst?“ Auf mein zögerliches „Jaa“ schmunzelte er und meinte: „Ich gehe davon aus, dass du dich nicht besaufen wirst, – Hännes, dohn os noch en Rund.“

1998 Hahnengericht, Verteidiger Walter Schmitz,  Foto Hejo Mies1998 Hahnengericht, "Richter Matthias Junker,  Foto Hejo MiesAls auswärtiger „Ablöser“ auf den Dienstposten der Bundesbahn hatte man selbstredend zur Kirmes oder beim Schützenfest den Dienst der einheimischen Kollegen zu übernehmen. Im Gegenzug war es für die Einheimischen selbstverständlich und sogar Ehrensache, dass sie den Kollegen im Dienst ordentlich verpflegten. Beispielsweise in der Spätschicht auf dem Bahnhof in Dahlem. Der Dienst begann um 13 Uhr und mir wurde unnachsichtig befohlen, nur ja daheim kein Mittagessen zu mir zu nehmen, denn, so erklärte mir Kassenverwalter Wilhelm Schmitz, „du wirst von uns verpflegt, das gehört sich so.“ Tatsächlich erhielt ich, kaum im Dienst angekommen, ein feudales Kirmes-Mittagmahl aus der Schmitz-Küche zugestellt, nachmittags erschien Kollege Viktor Meyer mit einem Berg von Kirmeskuchen. Das Abendessen servierte dann noch Josef Zimmers. Gegen 22 Uhr war die Schicht zu Ende und da war es meine Pflicht, für ein Stündchen der Einladung zum Kirmesball im Vereinshaus zu folgen. Eine Ablehnung hätte eine Kränkung der Kollegen bedeutet. Als Gast musste ich mich naturgemäß mit dem einen oder anderen Tänzchen bei der Gastgeberin für ihr ausgezeichnetes Mittagmahl und die Einladung bedanken. Frau Schmitz war im Vergleich zu mir Schmächtling von stattlicher Gestalt, meine heimlichen Bedenken waren unterdessen unbegründet: Sie tanzte ganz hervorragend und leicht wie eine Feder.

In manchen Orten gab und gibt es ein Kirmessymbol in Gestalt einer lebensgroßen zerlumpten Stroh- oder Stoffpuppe, „Paias“ genannt, die während der Festtage an zentraler Stelle zur Schau gestellt und mit der Kirmes „begraben“ wird. Der Paias hat die gleiche Funktion wie anderenorts die „Knauch“ (Knochen): Verkörperung der Kirmes. Übrigens: Der Eifeler sagt in jedem Fall „d i e Knauch,“ auch wenn das dem hochdeutschen Hauptwort „der Knochen“ widerspricht. Hier und da hat sich inzwischen auch „der Knauch“ eingebürgert, das aber ist geradezu ein Verbrechen am Eifeler Platt und passt wie die Faust aufs Auge.

In Nettersheim hieß der Paias „Schabaies“ und der wurde beim damaligen Café Schruff vor dem Bahnübergang an einem hoch über die Straße gespannten Seil aufgehängt. Eine Handvoll „Dörfer“ Kirmesbesucher trachtete danach, den Schabaies mit auf die Heimreise zu nehmen, der „Raub“ misslang unterdessen, weil das Seil hoch oben an einem schwer zu erklimmenden Baum befestigt war. Am glatten Baumstamm rutschte man ab und steckte bis zu den Knien im matschigen Boden von „Kley´s Jade“ (Garten). Man gab schließlich auf – und lief einer Horde Nettersheimer Burschen in die Arme, die vom Attentat auf ihren Schabaies Wind bekommen und unbemerkt an der Hausecke auf das Abseilen der Puppe gelauert hatten. Weil es dazu aber nicht kam, kam es auch nicht zu den drohenden Prügeln und die Dörfer zogen mit der Gew2000 Hahnengericht, "Beratungspause" im Speisezimmer,   Foto Hejo Miesissheit heim: Do han mir äwwer noch ens Schwein jehatt.

Die Blankenheimerdorfer Kirmes 1957 ist mir als Einzige in sehr negativer Erinnerung: Am 13. November starb gegen 0,30 Uhr mein Vater, es war die Nacht vom Kirmesdienstag zum Mittwoch. Vater war mit meiner jüngsten Schwester Helga bis 24 Uhr im Saal gewesen. Er trank und tanzte nur wenig und hatte sich bei der Kassenbesetzung am Saaleingang aufgehalten. Vater wurde nur 55 Jahre alt. Die Dörfer Kirmes 2012 weckt Erinnerungen: Fast auf den Tag genau vor 55 Jahren, starb Vater mit 55 Jahren. Der 13. November 2012 war diesmal unser Kirmesdienstag.








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