Wappen_blau_140pix
Gästebuch

Letzte Aktualisierung

23.09.2013




 

20110531Startseiteoben

Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Goldene Erdfrucht

„Oh wie lieblich durch die Lüfte ziehen Bratkartoffeldüfte.“ Bei uns daheim gab es zu meiner Kinderzeit etliche bunte Kunstdünger-Werbekarten der Raiffeisenkasse. Obiger Text warb für den Stickstoff als Basis für das Gedeihen der Kartoffeln, deren Anbau für den Eifelbauern unverzichtbar war. Jeder Kleinlandwirt bestellte für den Eigenbedarf ein entsprechend bemessenes Jromperestöck (Kartoffelacker). Ein Eifeler Mittagstisch ohne Jrompere war undenkbar und auch der Chefkoch unserer Tage kann für seine erlesenen Gerichte auf Kartoffeln nicht verzichten. Unsere Eltern begnügten sich in der Regel mit einfach und schnell herzurichtenden Mahlzeiten, eine scherzhafte, aber gar nicht so abwegige Regel besagte: Morgens Bratkartoffeln, mittags Quellmänn mit Klatschkäs, abends Klatschkäs mit Quellmänn. Quellmänn sind Pellkartoffeln, Klatschkäs ist Quark, hausgemacht sind beide delikat.

Bratkartoffeln zum Frühstück? Das „Bauernfrühstück“ aus dem Supermarkt bestätigt diese Morgenmahlzeit, besteht es doch aus Bratkartoffeln, und der Kenner weiß auch heute ein Pännche Brootjrompere (Pfännchen Bratkartoffeln) am Morgen wohl zu schätzen. Mit reichlich Speckscheiben und Ei zubereitet, war ein solches Frühstück eine gediegene Grundlage für den arbeitsschweren Alltag unserer Eltern. Und Quellmänn ? Heiß und dampfend auf den Tisch, die aufgebrochene appetitliche Frucht duftet verlockend, die Schale kann man bedenkenlos mit verspeisen, das schmeckt am allerbesten und ist am gesündesten… Unser Garten hat seit 40 Jahren keinen Kunstdünger „gesehen,“ unsere Quellmänncher, drei bis vier Zentimeter dick, sind goldgelb und fest und besitzen einen vorzüglichen Kartoffelgeschmack, den die hochgezüchteten „Weißlinge“ aus dem Supermarkt häufig vermissen lassen. Unsere Quellmänncher pur, ob heiß oder kalt, ohne jede Zutat, sind ein sattmachender Genuss, - mit ein wenig guter Butter dran sind sie eine Köstlichkeit.

Aus einem Kalender von 1925 : Bauer : Siehst du mich noch, Michel ? Knecht : Ja sicher. Bauer : Dann sind Quellmänn zu wenig. Archivbild : J. Vossen	Ein Leibgericht unserer Eltern, das aber auch heute noch nichts an Beliebtheit eingebüßt hat, waren Quellmänn mit eingelegten Heringen. Salzheringe gab es mangels geeigneter Kühlung nur während der kalten Jahreszeit. Man kaufte sie beim Dorfkrämer, das hölzerne Heringsfass stand im Schnee vor dem Laden. Fürs Einlegen hatte jede Hausfrau ihr Spezialrezept, der Phantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Grenzenlos waren und sind auch die Varianten bei der Zubereitung von Kartoffelspeisen, Reibekuchen, Püree, Fritten, gebratene Salzkartoffeln oder Rohscheiben, - um nur einige zu nennen. Und Omas Eifeler Kartoffelsuppe mit grob zerkleinerter gekochter Speckschwarte ist auch nicht zu verachten.
Bei uns daheim kamen Bratkartoffeln nur abends auf den Tisch, heiß direkt vom Herd, duftend und dampfend, manchmal schwärzlich angesengt, trotzdem köstlich. Unsere Jött briet sie mit Speckschnippeln oder in weißem Schweineschmalz von der Hausschlachtung, das war besonders lecker. Die mächtige gusseiserne Pfanne musste huppevoll (gehäuft voll) sein, damit die Hausgenossen satt wurden. Brootjrompere zum Feierabend hatte ich auch noch in den 1960er Jahren. Wenn ich vom Spätdienst kam, stand im „Hotel Mama“ das kleine Pfännchen mit Salzkartoffeln parat, aus denen ich mir dann mein Nachtmahl bereitete.

Vorbereitungen

Die Pflanzzeit für Spätkartoffeln ist die erste Maihälfte, je nach Witterung auch schon Ende April. Frühkartoffeln sollen möglichst im März en de Erd und können ab Juli geerntet werden. Gängige Spätsorten waren zu meiner Kinderzeit „Industrie, Ackersegen und Bismarck,“ wir daheim pflanzten Ackersegen, nur im Garten gab es ein Beet mit „früher Sieglinde.“ Die Erde in unserem Garten war schwarz und fruchtbar, vermutlich hat es hier in grauer Vorzeit Kohlenmeiler gegeben. Mehrjähriger Kartoffelanbau auf demselben Acker war bei unseren Böden nicht ratsam, die Feldbestellung wechselte also jährlich, unser Jromperestöck hatte meistens im Vorjahr Winterkorn getragen.

Eine Fuhre Dünger fürs Kartoffelfeld, Repro Joh. VossenDer Kartoffelanbau war harte Arbeit, die schon mit dem Ausfahren von Stalldünger aufs Stoppelfeld begann. Bei uns wurde im Frühjahr gedüngt und beim Einpflügen gleichzeitig gepflanzt. Die Herbstdüngung ist für den Kleingärtner vorteilhaft: das Beet muss dann im Frühjahr nur noch geebnet werden. Heute sucht man allerdings vergeblich nach einer Karre Stalldünger: Kleinbauern gibt es nicht mehr und der Großbetrieb produziert nur noch stinkende Gülle. Die ist im Garten kaum verwendbar, die Nachbarschaft würde sich für den „Duft“ bedanken. Da bleibt nur noch das Kompostieren.
Als natürlicher Stickstofflieferant war Stalldung im Kartoffelanbau unentbehrlich. Der vielgeschmähte Misthaufen beim Bauernhaus ließ Rückschlüsse zu: Viel Mist bedeutete viel Vieh im Stall und das wiederum war ein Zeichen von Wohlstand.

Der Düngerhaufen, 1953 das Zeichen für bäuerlichen Wohlstand, Archivbild  Hejo MiesDen Misthaufen gibt es nicht mehr, dafür aber weißlich-fahle Kartoffeln, die nach Züchtung und Kunstdünger schmecken, - oder nach gar nichts. Das Düngerausfahren war pure Knochenschinderei. Das Beladen des Ackerwagens geschah von Hand mit dem vierzinkigen Jrejf (Stallgabel), die Ladung wurde pyramidenförmig aufgetürmt und mit der Meßklaatsch (Mistklatsche) festgeklopft, damit während der Fahrt kein lockeres Material verloren ging. Das Klopfgerät war ein einfaches Brett mir einem angenagelten Knüppel als Griff. Auf dem Feld wurde die Ladung in bestimmten Abständen in kleinen Portionen vom Wagen abgezogen. Das Werkzeug hierfür war der Meßkaasch, eine dreizinkige Hacke mit entsprechend langem Stiel. Nach dem Ausfahren kam weitere Knochenarbeit: das Sprejde (Spreiten, Verteilen) auf dem Stoppelfeld. Das gewichtige und oft klumpige Material mußte mit dem Jrejf aufgelockert und gleichmäßig über die Fläche verteilt werden. Das strapazierte die Muskeln, die Arme schmerzten noch tagelang danach. In den Wirtschaftswunderjahren nach dem Krieg wurden Traktor, Ladekran und Miststreuer auch für den Kleinbauern erschwinglich, die Schwerarbeit hatte ein Ende.


Unser Saatgut

Der Kartoffelroder erleichtert die Arbeit, Peter Schmitz und Josef Blens um 1965 bei  Blankenheimerdorf
Das gedüngte Stoppelfeld musste möglichst umgehend gepflügt werden, damit der Dung in die Erde kam und ein Auswaschen durch Regen vermieden wurde. Das Pflügen war von der Witterung abhängig, die erfahrungsgemäß im April noch oft Kapriolen schlägt. Trockenes und frühlingshaftes Jromperewedder (Kartoffelwetter) beschert meistens der Mai, es gab eine Bauernregel fürs Kartoffelwachstum: „Setz mich im April, dann komm ich, wann ich will. Setz mich im Mai, dann komm ich glei (gleich, sofort).“ Die Wahl des richtigen Zeitpunkts war ein wenig Glückssache. Bei uns daheim ging es generell erst nach der „Kalten Sophie“ (15. Mai) ans Kartoffelpflanzen. Unser Ackersegen war zwar erst im späten Oktober reif, doch galt der Oktober damals allgemein als Jromperemoond (Kartoffelmonat), die Herbstferien an den Volksschulen wurden eigens wegen der Kartoffelernte um zwei Wochen verlängert, weil die Kinder mit aufs Feld mussten.
Wenn es im Frühjahr ans Pflanzen ging, mussten zunächst die Sätz (Saat-, Pflanz-, Setzkartoffeln) vorbereitet werden. Bei der Ernte sortierten wir gleich das Saatgut fürs nächste Jahr aus und lagerten es im Keller in einer besonderen Abteilung. Das geschah über viele Jahre hinweg, für den Kauf neuer Sätz fehlten die Groschen. Unser Ackersegen bewährte sich unterdessen alljährlich aufs Neue. Die Vorbereitung der Saatkartoffeln war Frauenarbeit. Während Ohm Mattes die Felddüngung besorgte, schleppten Mutter und Jött körbeweise die Sätz aus dem Keller herauf. Zunächst wurden die „Dunkelkeime“ aussortiert, die oft armlangen weißen „Geiltriebe,“ die im dunklen Keller entstanden. Die hierbei „ausgelaugten“ und stark verschrumpelten Knollen kamen zum Viehfutter. Ein guter „Satz“ musste fest und möglichst wenig ausgekeimt sein, vorhandene Keime wurden entfernt Das Saatgut wurde in der erforderlichen Menge in Säcke abgefüllt.

In „mageren“ Kartoffeljahren, wenn die Ernte nicht so gut ausgefallen war, stückelte man dickere Knollen in zwei oder mehr pflanzfähige Teile auf. Dabei wurde die Kartoffel so durchgeschnitten, dass in jedem Einzelteil möglichst zwei keimfähige „Augen“ vorhanden waren. Mit dieser Methode ließ sich das vorhandene Saatgut stückzahlmäßig verdoppeln. Um ein „Ausbluten“ zu vermeiden, sollten die Schnittflächen in Holzasche getaucht werden. Das wurde bei uns nie gemacht, unsere Kartoffeln gediehen trotzdem. Das Zerschneiden war unterdessen nur eine Notlösung und wurde selten angewandt. Ich selber zerteile heute noch häufig beim Pflanzen im Garten geeignete Sätz einfach mit dem Spaten und gebe die Teile direkt in den Boden, - bisher immer mit Erfolg.

Gesunde Keimaugen wachsen sogar ganz ohne die Knolle, das stellte ich selber vor Jahren in unserem Garten fest. Beim Umgraben im Frühjahr hatte ich Muttis Kücheneimer in die Furche geleert, in dem sich eine Menge Kartoffelschalen befanden. Im Sommer gab es mitten im Beet eine lange Reihe stattlicher Pflanzen, dicht an dicht, wie gesät. Kartoffelschalen sind übrigens auch im Haushalt nützlich, sofern es dort noch einen Kohleherd gibt: In nicht zu starkem Feuer verbrannt, verhindern die Schalen eine übermäßige Russbildung im Kamin. Dieses Rezept stammt noch von meinen Eltern, unser Schornsteinfeger hat mir unlängst einmal seine Nützlichkeit bestätigt.

Förderlich für das Wachstum der Sätz ist das Vüerkieme Vorkeimen, das aber bei größeren Flächen zu aufwendig ist. Für den Garten dagegen lohnt es sich immer. Zum Vorkeimen wird das Saatgut bei niedrigen Temperaturen um 10 Grad in flachen Behältnissen dem Tageslicht ausgesetzt. Dadurch bilden sich kräftige Keime, die im Gegensatz zu den fahlen Dunkelkeimen grün-violett gefärbt und widerstandsfähig sind. Wenn die Keime drei bis fünf Zentimeter lang sind, sollten die Sätz gepflanzt werden. In unserem kühlen Erdkellerchen geht das Vorkeimen automatisch vor sich, die Saatkisten erhalten das benötigte Licht durch die Schurp (schießschartenartige Luke, Kellerfenster), die zur Vorkeimzeit geöffnet wird. Vorkeimen ermöglicht ein Pflanzen selbst noch spät im Mai und bietet damit relative Sicherheit vor Frostschäden, die bei uns durchaus noch Anfang Juni auftreten können. In unserem Garten kommen die Kartoffeln ohnehin erst nach den Eisheiligen und der Kalten Sophie in die Erde, das habe ich von Daheim übernommen und bin immer gut damit gefahren. Wir ernten zwar stets zwei oder drei Wochen nach den „Frühpflanzern,“ dafür aber bleibt uns das Abdecken der Beete zum Schutz vor Nachtfrost erspart.

Jrompere setze

Arbeiten mit dem Karrenpflug, Repro Joh. Vossen
Das Pflügegerät des Eifeler Kleinbauern war der einscharige Karren-Wendepflug, dessen Karrenaufbau anfangs noch aus Holz hergestellt war. Ein solcher Holzplooch (Holzpflug) stand bei uns hinter dem Haus, er wurde allerdings nicht mehr gebraucht. Der leichte Karrenpflug war für unser Kuhgespann bestens geeignet. Vor dem Einsatz wurden die beweglichen Teile eingefettet und gängig gemacht, ein für alle Schrauben passender Universalschlüssel war an einem der beiden „Sterze“ (Führungsgriffe) befestigt. Für den Transport zum Feld wurde der Pflugbaum mit Schar und Sterzen waagerecht gedreht und auf die Ploochschlejf (Pflugschleife, -schleppe) gelegt. Das waren zwei V-förmig zusammengefügte Rundhölzer, die dergestalt von oben her zwischen „Grindel“ (Pflugbaum) und Schar gesteckt wurden, das sie zwei schräg nach hinten ragende „Beine“ bildeten. Die schleiften beim Transport über den Boden und verursachten ein fürchterliches Knirschen und Scharren, auf Straßen und Feldwegen blieben tagelang die Schleifspuren sichtbar. Das Karrenteil des Pfluges wurde am Heck des Ackerwagens befestigt, der mit dem Saatgut sowie mit Eimern und Körben beladen war, auch die „Verpflegung“ für die Brotzeit durfte nicht fehlen.

Unsere beiden „Setzerinnen“ pflanzten von den Kopfenden des Ackers her bis zur Wähßelfuhr (Wechselfurche = Markierung der Feldmitte), also wurde an diesen Stellen auch das Saatgut zum Nachfassen deponiert. Das Pflügen erforderte Kraft und Geschick von Mensch und Tier, zumal auch der standesbewusste Eifelbauer bemüht war, schnurgerade Furchen zu ziehen, denn die galten als Kriterium für gute Arbeit. Es war gar nicht immer einfach, den Pflug en dr Fuhr (in der Furche) zu halten, Ohm Mattes verstand aber sein Handwerk und unsere beiden Gespannkühe waren bestens eingearbeitet. Bei der ersten Furche führte man die Tiere, damit die Fuhr schnack (gerade) wurde. Alles Weitere konnten sie allein und zusätzlich war ja die Ploochleng (Pflugleine) zum Dirigieren und Lenken vorhanden. Die Tiere waren darauf abgerichtet, sowohl in der Furche als auch auf dem Ackerboden gehend, den Pflug zu ziehen. Der Wendepflug ermöglichte das Arbeiten in beiden Richtungen, wobei das jeweils „innere“ Karrenrad in der Furche lief. Somit wechselte auch für die Zugtiere die „Arbeitsebene,“ weil auch das innere Tier in der Furche ging.

Unsere Sätz kamen im Augenmaß-Abstand von etwa 40 Zentimetern in die Erde. Geringerer Abstand führte zu vermehrter Beschädigung beim Aushacken, bei zu weiten Abständen war die Pflanzkapazität nicht ausgenutzt. In beiden Fällen murrte Ohm Mattes unmissverständlich, mit der Zeit eignete man sich also das richtige Maß an. Auch wir Kinder mussten mit anpacken, mit unseren kleinen Eimern hielten wir uns an der Wähßelfuhr auf und pflanzten den vom Kopfende kommenden Erwachsenen entgegen. Der erforderliche Reihenabstand wurde durch die Furchenbreite erreicht: Die „Pflanzfurche“ enthielt eine Reihe Sätz, danach wurde eine neutrale „Deckfurche“ gepflügt, dann kam die nächste Pflanzreihe. Die Sätz mussten in die obere Hälfte der aufgeworfenen Furche gelegt und leicht angedrückt werden, sie durften nicht auf den Furchenboden fallen. Das Pflanzen war anstrengend, der gefüllte Eimer hatte Gewicht und man arbeitete ständig tief gebückt, nach acht oder zehn Reihen tat der Rücken weh, Menschen und Tiere waren dankbar für ein halbes Stündchen Rast. Der Brotkorb wurde ausgepackt, die Mannschaft stärkte sich, während die Zugtiere gemächlich zu idderije (wiederkäuen) begannen.

Pflegearbeiten

„Mr bliev aan dr Ärbed“ (Man bleibt an der Arbeit). Mit diesen Worten schulterte Ohm Mattes den Kaasch (zweizinkige Erdhacke, Karst) und marschierte aufs Kartoffelfeld, zum Jrompere haue (hacken). Das geschah bei uns von Hand, das Werkzeug hierfür war der erwähnte Kaasch, der auch bei der Kartoffelernte zur Anwendung kam. Zum ersten Mal wurde gehackt, wenn die Reihen auf dem Feld gut sichtbar waren. Dadurch ließ sich ein ungewolltes Zertreten der Pflanzen weitgehend vermeiden. Das Hacken erfüllte dreierlei Aufgaben: Das Unkraut wurde ausgejätet und gleichzeitig damit der Boden aufgelockert, lockeren Boden braucht die Kartoffel unbedingt. Der dritte Vorteil war das gleichzeitige Zertrümmern der Knöedele (harte Erdbrocken), die das Wachstum der Pflanzen hemmen. Diese Arbeit nannten wir Knöedele kloppe. Hierbei drehte man den Kaasch um und „kloppte“ mit der breiten Rückseite. Je nach Witterung und Unkrautwuchs musste das Feld erneut gehackt werden, unter anderem auch nach einer Regenperiode, wenn sich eine harte Erdkruste gebildet hatte. Die Arbeit musste bei möglichst warmer Witterung getan werden, damit das ausgehackte Unkraut verdorrte. Jrompere haue in der Sommerhitze, das war eine schweißtreibende Angelegenheit.

Frauenarbeit, Kartoffelhäufeln, Copyright Jubiläumsausschuß Auhausen, Robert KaußlerWenn die Pflanzen etwa 20 Zentimeter groß waren, kam das Häufeln oder Anhäufeln, bei uns Höüfe genannt, regional auch „Höüfele.“ Hierfür gab es den leichten Häufelpflug, dessen schneepflugartige Spitzschar in der Breite verstellbar war und dem Reihenabstand auf dem Feld angepasst werden konnte. Das Häufeln diente der erneuten Bodenauflockerung und Unkrautbekämpfung, außerdem wurde dabei zwischen den Reihen eine Furche gezogen und die Erde nach beiden Seiten hin zu kleinen Dämmen aufgeworfen, in denen dann die Kartoffeln standen. Dadurch erhielten die Knollen eine genügende Deckschicht und konnten nicht ans Tagelicht treten. Das Licht nämlich lässt die Erdfrucht grün werden und grüne Kartoffeln sind dem Vernehmen nach schädlich, zumindest aber ungenießbar. Fürs Häufeln genügte ein einzelnes Zugtier, unsere Schwitt war hierfür geradezu klassifiziert. Sie zog den Pflug zwischen den Reihen hindurch und zertrat dabei nur selten eine Pflanze. Weil es am Häufelpflug keine Ploochleng gab, musste Schwitt geführt werden. Das war meistens meine Aufgabe. Es gab im Dorf einen privat angeschafften Häufelpflug, der reihum ausgeliehen wurde. In Blankenheimerdorf stand ein solches Gerät am Kasseschopp (Halle der Raiffeisenkasse) zur Verfügung, neben Kultivator, Ackerwalze und Scheibenegge.

Der Volksfeind

Bei günstiger Witterung und gutem Saatgut, dauerte es nach dem Häufeln noch zwei bis drei Wochen, dann war das Kartoffelfeld „zugewachsen,“ die Pflanzen bildeten einen lückenlosen grünen Teppich, unter dem das Unkraut erstickte. Das war die Zeit für den am meisten gehassten Schädling, den Kartoffelkäfer, den das „braune Regime“ im Krieg sogar zum „Volksfeind Nr.1“ erklärte. Die Volksschulklassen mussten damals außerhalb der Schulstunden zum Käfersammeln auf die Kartoffelfelder ziehen, weil es nicht genügend wirksame Spritzmittel gab. Auch unser Lehrer Josef Gottschalk ordnete für manchen freien Nachmittag „Kartoffelkäfer sammeln“ an, sehr zu unserem Leidwesen. Bei diesen Käfereinsätzen wurden die „abgepflückten“ Schädlinge in Konservendosen getan, die einen Guss Petroleum oder Dieselöl enthielten. Der Doseninhalt wurde abschließend im offenen Feuer verbrannt. Einmal hatten wir bei einer solchen Aktion über 900 Käfer gesammelt. Ein ganz bestimmter „Kartoffelkäfertag“ im August 1945 bleibt unvergessen, das genaue Datum ist leider nicht mehr bekannt. Als ich vom Käfersammeln nach Hause kam, war Vater da. Ewig lange hatten wir nichts mehr von ihm gehört, er war aus der von den Russen besetzten Stadt Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) „stiften gegangen“ und nach monatelangen Irrfahrten daheim angekommen.
Eigentlich sieht der Kartoffelkäfer mit seinen schönen gelben Flügeldecken und den schwarzen Längsstreifen hübsch aus, im Gegensatz zu seinen fetten roten Larven, deren Gefräßigkeit keine Grenzen kennt. Die Schädlingslarven gleichen ein wenig denen des geliebten Marienkäfers, doch sind diese Nützlinge bläulich-grau gefärbt und leicht zu unterscheiden. In diesem Jahr (2010) ist die Kartoffelkäferplage ungewöhnlich groß. Auf unserem Gartenbeet, etwa 0,8 Ar groß, sammelte ich bis Mitte Juli bereits 21 Käfer und fast 1.000 Larven. Das klingt nach Übertreibung, stimmt aber und ist gar nicht so abwegig angesichts der Tatsache, daß ein einziges Käferweibchen bis zu 1.200 Eier legt. Zweimal täglich suche ich unser Feldchen ab, gespritzt wird bei uns nicht, weder gegen den Käfer noch gegen die Krautfäule. Wir vermeiden jegliche Chemie, wir benutzen auch kein keimhemmendes Pulver bei den Lagerkartoffeln, unser kühles Erdkellerchen ist ein natürlicher Keimhemmer und Frischhalter.

Goldene Erdfrucht

Ob Getreide, Obst, Gemüse oder Hackfrüchte, - die Ernte als Krönung arbeitsreicherer Anbaumonate ist in jedem Fall ein Ereignis. Ein Ereignis besonderer Art, beinahe ein Erlebnis, ist die Kartoffelernte. Obst und Korn sehen wir heranreifen und pflücken oder mähen es einfach ab, wenn die Reifezeit gekommen ist. Die Kartoffel dagegen versteckt sich im Boden, wir müssen sie suchen und ausgraben wie einen Schatz, und das ist spannend. „Na, wie sin se dann?“ erkundigt sich interessiert der Nachbar über den Gartenzaun hinweg und begutachtet die Ernte. Erfahrungen werden ausgetauscht über Anbausorte, Düngung und Ergiebigkeit. Schließlich stellt man schmunzelnd und einträchtig fest, dass in diesem Jahr die Klejne all net deck jewore sin (die Kleinen alle nicht dick geworden sind), daß man insgesamt aber mit der Ernte zefridde (zufrieden) sein kann. Und wenn dann die goldene Erdfrucht dicht an dicht das ausgehackte Beet bedeckt, wenn der gehortete Wintervorrat den Keller mit herb-frischem Erd- und Gartenduft füllt, dann ist der vom Aushacken schmerzende Rücken vergessen und vor dem geistigen Auge entsteht ein mächtiger Teller mit „Töffelchen,“ goldgelbe frische Winzlinge, nicht größer als ein Tischtennisbällchen, in guter Butter, durchwachsenem Speck oder in Schweineschmalz gebraten…

Goldene Erdfrucht 2008, Foto Joh. VossenGar nicht so selten wurden, je nach Pflanzzeit und Witterung, auch noch Anfang November Jrompere üßjedohn (ausgetan = geerntet). Als Faustregel galt: Die Pflanzen mussten verdorrt sein und in diesem Zustand noch zwei Wochen stehen bleiben. Wenn sich dann beim Ausreißen die Knollen von den Wurzeln lösten und in der Erde blieben, waren sie erntereif. Bei den Frühkartoffeln im Garten ging man schon im Sommer aan de Strüch scheere (an die Sträucher scharren). Von der Furchenseite her legte man die Wurzeln frei und entnahm vorsichtig die brauchbaren Knollen. Die Scharrstelle wurde wieder gut mit Erde zugedeckt, die verbliebenen kleinen Knöllchen wuchsen problemlos weiter. Auf diese Art „versorgten“ sich auch die Hütebuben auf fremdem Acker mit Kartoffeln fürs Weidefeuer. Das galt in der Regel als „Naschen,“ trotzdem ließ man sich aber tunlichst nicht dabei erwischen. Das war ganz besonders in den Hungerjahren nach dem Krieg ratsam, als in unserer Eifel der „Kartoffelklau“ umging und die Bauern ihre Felder bewachen mussten. In einer Nachbargemeinde Blankenheims überführten die erbosten Feldwächter eine Frau, die wiederholt nächtlicherweile Kartoffeln gestohlen hatte, während ihre drei missratenen Sprösslinge Schmiere standen.

Aan de Jrompere

Die Kartoffelernte bringen wir unwillkürlich mit der Romantik rauchender Feuer in Verbindung. Tatsächlich lag an windstillen „goldenen“ Oktoberabenden der unverwechselbare würzig-herbe Geruch verbrannten Kartoffellaubes über Dorf und Land, rundum auf den Feldern verglühten die Feuer, – für den Gast und Naturfreund ein stimmungsvoller Spätherbstabend, für den Bauersmann dagegen eher eine zwangsläufige Notwendigkeit: Der abgeerntete Kartoffelacker mußte noch vor dem Winter umgepflügt werden, weil er im nächsten Jahr Sommergetreide tragen sollte. Die verdorrten Kartoffelsträucher waren beim Pflügen hinderlich und wurden somit verbrannt. Bei diesem Umpflügen musste stets einer von uns Kindern mit dem Eimer hinter dem Pflug her stapfen, um die beim Aushacken übersehenen und jetzt zutage geförderten Restkartoffeln aufzulesen: Tierfutter, nichts durfte verloren gehen.

Die Dämpferkolonne im Einsatz um 1950, Copyright Jubiläumsausschuß Auhausen, Robert KaußlerDamals spielten die Kartoffeln eine bedeutende Rolle in der Schweinemast. Im Winter wurden bei uns daheim regelmäßig Söüsjrompere (Schweine-, Futterkartoffeln) gekocht, eine zeitraubende Arbeit, die durch das „Dämpfen“ wesentlich vereinfacht werden konnte: Kurze Zeit nach der Kartoffelernte kam eine mobile „Dämpferkolonne“ ins Dorf. Das war ein holzbeheizter fahrbarer Dampfkessel mit drei mächtigen Behältern, die fünf bis sechs Zentner Dämpfgut fassten, und eine handbediente Kartoffelwaschmaschine. Mir imponierten ganz besonders der zischende blanke Dampfkessel und das vielleicht vier Meter hohe rauchende Kaminrohr. Die im heißen Dampf gegarten Kartoffeln kamen in ein gemauertes Silo, wurden gestampft und luftdicht abgedeckt und ergaben nach sechs bis acht Wochen eine hervorragende Silage. Das Dämpfen machte das umständliche Kochen überflüssig, verhinderte den bei der Lagerung unvermeidlichen Verlust durch Fäulnis oder Austrocknung, und garantierte haltbares Futter. Zu uns kam „der Dämpfer“ nur ganz selten, weil es bei uns kein geeignetes Silo gab.

Für uns Kinder war das Jromperefüer (Feuer) eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei. Bei unseren Feldern und Wiesen war immer Wald in der Nähe und damit Brennmaterial für unser Kartoffelfeuer. Das nämlich wurde zunächst ausgiebig mit Holz „gestocht,“ damit es fürs Garen der Kartoffeln genügend Asche gab. Die Knollen mussten dick mit Asche zugedeckt sein, weil sie sonst verbrannten. Eine schwarz verkohlte Außenhaut ließ sich dennoch auch bei größter Aufmerksamkeit kaum vermeiden. Das war aber bedeutungslos, die Schicht wurde mit dem Taschenmesser abgeschrappt, bis die darunter liegende braune Kruste zum Vorschein kam. Ab da schmeckte die Jromper hervorragend und selbst die Erwachsenen langten tüchtig zu. Das Feueranmachen war bei trockener Witterung kein Problem, bei Bedarf brachten wir „Anstochholz“ von daheim mit, das Kartoffelfeuer nämlich war unverzichtbar.

Kartoffelfeuer in der Eppengasse 1968, Foto Joh. VossenWeil Ferien waren, mussten wir auch morgens Vieh hüten, während Ohm Mattes und Mutter mit dem Kaasch aufs Feld zogen und den einen oder anderen Tromp Kartoffeln aushackten. Der Tromp war eine abgegrenzte Arbeitsfläche, meisten zehn Schritte lang über die ganze Breite des Feldes. Nach dem Mittagessen ging es mit allen Mann aan de Jrompere. Das war der landläufige Ausdruck für die Kartoffelernte, wie vergleichsweise aan et Koor für die Getreideernte. Jött hütete derweil das Haus und sorgte dafür, dass zum Feierabend das Essen auf dem Tisch stand. Der Ackerwagen war mit leeren Säcken für Sätz und Söüsjrompere beladen, dazu Eimer, Mang und Ress fürs Aufsammeln sowie Kaasch und Verpflegungskorb. Die Mang war der übliche Flechtkorb aus starken Weidenruten, die Ress, regional auch Reiss genannt, war ein stabiles, flaches und meistens ovales Behältnis für schwere Lasten, ein aus Eichen- oder Haselholzschienen geflochtener Spankorb, der mühelos Zentnerlasten aufnehmen konnte und für den Zweimanntransport mit massiven Griffen ausgerüstet war. Nur wenige Leute verstanden die Kunst des Ressflechtens, einer von ihnen war Peter Hoffmann aus Blankenheimerdorf.

Bei unserem Jromperestöck lag meistens eine unserer Wiesen, auf denen die Gespanntiere während unserer Arbeit weiden konnten. Der Onkel und Mutter begannen wieder mit Aushacken. Das Kaaschte wollte gelernt sein. Die Hacke musste gut handbreit hinter dem Kartoffelstrauch in die Erde greifen, um Beschädigungen möglichst zu vermeiden. Die ans Tageslicht gekommenen Knollen mussten dann zwei Meter weit nach hinten befördert werden, damit sie nicht festgetreten wurden. Ohm Mattes und Mutter schafften das durch blitzschnelles Antippen und Wegflitschen mit dem Kaasch, ohne sich dabei besonders bücken zu müssen, selbst das kleinste Binselche (winziger Gegenstand, hier: Kartöffelchen) wurde erfasst. Der Ungeübte flitscht fünfmal daneben und befördert schließlich die Jrömpercher doch noch mit der Hand hinter sich. Das geht zwar schneller, bedeutet aber ständiges tiefes Bücken und zieht einen schmerzenden Rücken nach sich, - das lehrt die eigener Erfahrung, Flitschen mit dem Kaasch nämlich habe ich nie so recht beherrscht. Unsere Eltern konnten eine Viertelstunde lang kaaschte, ohne auch nur einmal zu pausieren.

1954 in Ahrmühle : Familie Johann Mies bei der Kartoffelernte. Archivbild : Hejo MiesBeim Jrompere raafe (raffen = auflesen) wurden alle Hände gebraucht. Wenn wir aufs Feld kamen, waren die morgens ausgehackten Kartoffeln gut angetrocknet und konnten aufgesammelt werden. Zur Vermeidung von Fäulnisbildung müssen Lagerkartoffeln unbedingt trocken sein. Wenn etwa bei ungünstiger Witterung die Feldtrocknung nicht möglich war, wurde die Ernte daheim auf der Scheunentenne ausgebreitet und später eingekellert. Während also Mutter und Onkel den Kaasch schwangen, sammelten wir Kinder die Morgenernte auf. Sobald eine genügend große Fläche aufgelesen war, wurde dort das Feuer angezündet, für dessen Unterhaltung einer von uns abgestellt wurde. Er hatte für Holznachschub zu sorgen, das trockene Jromperejelöüf (Kartoffellaub) zusammenzutragen und zwischendurch Schwitt und Rüet beim Weiden im Auge zu behalten. Richtiges Sortieren der Kartoffeln beim Auflesen war unabdingbar. Das galt insbesondere für die Sätz, die bei uns fünf bis sechs Zentimeter dick sein sollten, absolut unbeschädigt sein mussten und eine kugelige Form besaßen. Unser Ackersegen war eine weitgehend runde Knollensorte, gutes Saatgut musste also auch rund sein, flache oder längliche Formen galten als Missbildungen. Die Sätz kamen in die Ress, die dicken Knollen in die große Mang. Was kleiner als Sätz oder beschädigt war, zählte zu den Söüsjrompere und kam in den Eimer. Die Speisekartoffeln wurden lose in den Kastenwagen geschüttet, Sätz und Futterknollen wurden in Säcke gefüllt.

Kartoffelernte um 1930, Frauen und Kinder packten mit an. Copyright : Festausschuß Auhausen, Robert KaußlerDas Abladen daheim ging relativ rasch vonstatten. Die Speisekartoffeln wurden vom Wagen wieder in die Mang gefüllt und über eine Lattenrutsche durch die Schurp in den Keller befördert. Beim Abladen kam die spezielle Jromperejaffel (Kartoffelgabel) zum Einsatz, eine Schottergabel mit verdickten und abgerundeten Zahnspitzen, die das Aufspießen der Kartoffeln verhinderten. Beim Aufsammeln auf dem Feld war die anhaftende Erde bereits grob entfernt worden, eine weitere Reinigung erfolgte beim Abrollen über die Latten. Die Säcke mit Sätz und Söüsjrompere mussten in den Keller getragen und in die separaten Boxen geleert werden, - für des Onkels breite Schultern kein Problem. Fieroovend“ (Feierabend), verkündete schließlich Ohm Mattes nach einem zufriedenen Blick über den wachsenden Kartoffelberg im Keller. Unsere Kleidung duftete nach frischer Ackererde und Kartoffelfeuerrauch, und vom Küchenherd herüber, wo Jött mit der Eisenpfanne hantierte, strömte verlockend ein anderer Duft: Bratkartoffeln.

Knusprige Köstlichkeit, Blankenheimerdorf 2010, Foto Hejo Mies

nach oben

zurück