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27.06.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Wie der Herrgott einmal geschmunzelt hat

Am Fronleichnamsfest 2009 war das Wetter miserabel, häufige Regenschauer und heftige Windböen führten dazu, dass in Blankenheimerdorf die traditionelle Prozession abgesagt wurde. Die Altarbauer hatten bereits mit dem Aufbau der Station am Kippelbergkreuz nahe bei unserem Haus begonnen, mussten aber gegen Mittag alles wieder abräumen. Zurück blieb eine Kreidezeichnung auf dem Straßenbelag. Das Auslegen eines Blumenteppichs war durch den heftigen Wind unmöglich gemacht. Die Altarmannschaft resignierte, all die Arbeit umsonst, das war bitter.

Fronleichnam in unserer Jugendzeit, – wie war das doch damals noch ? Ferlichnumsdaach (Fronleichnamstag) hieß das Fest im Volksmund, ein heute vergessenes Wort. Gut 40 Jahre lang zählte ich zur Altarbaumannschaft auf dem Kippelberg (Ortsteil), ein Ehrenamt, dem man sich als unmittelbarer „Altaranlieger“ nicht entziehen konnte. Damals gab es noch die üblichen vier Stationen, die Mannschaften wetteiferten um die Ehre, den schönsten Altar gebaut zu haben. Die Siegertruppe wurde durch private „Gutachter“ ermittelt und nach der Prozession beim Frühschoppen bekannt gegeben. Was für die großen Stationen galt, das traf gleichermaßen auch für die zahlreichen kleinen Hausaltärchen zu, die entlang des Prozessionsweges in Hofeinfahrten oder in Fenster- und Haustürnischen aufgebaut waren. Ferlichnumsdaach, das war eine Herausforderung für die Dorfbewohner.

Fronleichnam 1951, Altarstation am Ehrenmal. Repro: Hejo MiesDas Fronleichnamsfest geht bekanntlich auf eine Anregung der heiligen Juliana von Lüttich zurück, Bischof Robert von Lüttich führte es erstmals im Jahr 1246 in seiner Diözese ein, Papst Urban IV bestimmte 1264, dass Fronleichnam am zweiten Donnerstag nach Pfingsten in der gesamten Kirche zu feiern sei. Die erste Fronleichnamsprozession zog 1279 durch Köln. (Quelle: www.festjahr). Am Prozessionsweg gab es in der Regel vier Altarstationen, an denen die Anfänge der vier Evangelien in lateinischer Sprache gesungen und der sakramentale Segen erteilt wurde. Das war in Blankenheimerdorf noch zu meiner Messdienerzeit unter Dechant Hermann Lux (Pfarrer von 1936 bis 1952) üblich, bei uns am Kippelbergaltar war das Matthäus-Evangelium an der Reihe mit dem Stammbaum Christi: „…Mathan autem genuit Jakob, Iakob autem genuit Joseph, virum Mariä, de qua natus est Jesus…“ Einer der „großen“ Messdiener trug während der Prozession das Evangelienbuch und fungierte am Altar als „lebendes Lesepult“ vor dem Priester. Das war ein besonderes Ehrenamt für uns.

Die vier Altäre sollen auf die vier Himmelsrichtungen hindeuten (Dettmann / Weber: Eifeler Bräuche). In Blankenheimerdorf werden seit Menschengedenken die Altarstationen in den Ortsteilen Kippelberg (1), Zollstock (2), Tröüt (3) und Onnerdörf (4) aufgebaut. Standort auf dem Kippelberg ist das alte Dorfkreuz an der Einmündung der Woltersgasse in die Straße Kippelberg, das in einer metertiefen Nische der Gartenmauer am Anwesen Rosen steht. Früher stand das massive Sandsteinkreuz vor der Mauer und damit auf der Fahrbahn, nach dem Krieg hat die Gemeinde beim Straßenausbau die Mauernische angelegt. Ludwig Rosen, der Grundstücksbesitzer, hat damals die Nische ausgemauert und zu einem ansprechenden Hintergrund für den Fronleichnamsaltar gestaltet. Keschesch Lud war beruflich Eisenbahner, verstand sich aber bestens auf Maurer- und Putzerarbeiten.


Standort für den zweiten Altar war früher das Steinkreuz unter den beiden Kastanien am Hause Ehlen / Bludau an der Ortsdurchfahrt, die damals noch Bundesstraße (258) war. Bedingt durch den ständig zunehmenden Straßenverkehr, wurde der Altar auf den Platz am Kasseschopp (frühere Dreschanlage) verlegt. Der dritte Altar wurde im Ortsteil Tröüt an der Kreuzung Treuter Weg / Neulandstraße errichtet, wo heute das Feuerwehrgerätehaus steht. Hier gab es früher ein Holzkreuz, auf dem ein etwa 70 Zentimeter großes Eisenkreuz befestigt war. Das Eisenkreuz erhielt seinen neuen Standort in einer Mauernische des Feuerwehrgebäudes. Der Standort des vierten Altares war zunächst das Ehrenmal am Kirchenvorplatz, wegen der Nähe der Ortsdurchfahrt entschied man sich später für den neuen Friedhof unterhalb der Kirche. Aus organisatorischen Gründen kann – leider – seit etlichen Jahren nur noch ein einziger Altar aufgebaut werden. Dabei geht es reihum, im vierjährigen Turnus ist jeder Ortsteil einmal betroffen. In 2009 war der Kippelberg wieder an der Reihe.

Vorbereitungen

Fronleichnam 1949, Prozession an "Hammesse Eck." Repro: Hejo Mies
Fronleichnam war zu unserer Kinderzeit ein Hochfest im katholischen Eifeldorf, mit Pfingsten oder Weihnachten gleichzusetzen. Es ist auch heute noch in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland gesetzlicher Feiertag. Wenn es früher bei uns op Ferlichnumsdaach aan jing (Fronleichnam herannahte), entstand allenthalben im Dorf eine gewisse Betriebsamkeit, denn Festvorbereitungen mussten getroffen werden. In erster Linie war das Sache der Anlieger am Prozessionsweg, oft aber beteiligten sich auch andere freiwillige Helfer.
Hauptkriterium für die Bewertung des Fronleichnamsaltares war der Blumenteppich vor der Station. Ab dem Montag vor dem Fest wurden Blumen und Blüten gesammelt, sauber nach Farben sortiert. Das war meistens eine Aufgabe der Frauen. In der Regel blühte bei uns um Ferlichnumsdaach der Besenginster. Das leuchtende Eifelgold war prächtiges Teppichmaterial, ließ sich leicht einsammeln und konnte in unbegrenzten Mengen beschafft werden, sogar ohne dass Schaden entstand. Ginster nämlich ist nach Ansicht vieler Zeitgenossen ein gemeines Unkraut und sollte ausgerottet werden. Schaden richteten wir dagegen angeblich beim Abpflücken der Möbbelcher an, die ebenfalls in größeren Mengen meist als Hintergrund für das Teppichbild gesammelt wurden. Möbbelcher nannten wir die frischgrünen Triebspitzen der Fichten. An ernsthafte Schwierigkeiten im Gemeindewald kann ich mich unterdessen nicht erinnern, den Privatwald allerdings mieden wir angelegentlich. Die Farbe Weiß lieferten uns die wildwachsenden Margeriten, helles Rot als vierte Teppichfarbe fanden wir im Rot- oder Kopfklee, den man heute fast vergeblich sucht, den aber früher die Bauern als Futterpflanze anbauten. Nicht zuletzt lieferten auch die Hausgärten in der Altarumgebung verschiedenfarbigen Flieder oder tiefrote Blütenblätter der Pfingstrosen in kleineren Mengen.

Fronleichnamsaltar 1988 am Kippelbergkreuz. Foto: Archiv AutorBei geeigneter Witterung war das Blumensammeln in der Regel eine recht muntere und unterhaltsame Angelegenheit. Weniger angenehm war die Sache bei Regenwetter. Ich erinnere mich an ein Jahr, als wir mit vier Personen im Dauerregen Margeriten pflückten. Die übrige Altarmannschaft war plötzlich „verhindert,“ hielt es aber für selbstverständlich, dass am Fronleichnamsmorgen Blumen für den Teppich zur Stelle waren. Es kam auch vor, dass witterungsbedingt außer Möbbelchen kein Schmuckmaterial zu finden war. Dann behalfen wir uns mit gefärbtem Sägemehl, das aber den Blumenteppich nicht ersetzen konnte. Das Färben war zeitraubend und aufwendig, das Material musste in Garagen oder auf Tennenböden getrocknet werden. Allerdings durften auch die frischen Möbbelcher nicht lange in den Eimern aufbewahrt werden, weil sie sonst leicht stickig werden und Schimmel ansetzen konnten.

Bis zur kommunalen Neuordnung der Gemeinden in 1969 gab es noch vielfach in den Ortschaften den Feldhüter. Zu dessen Aufgaben zählte auch die Überwachung des Blumensammelns für Fronleichnam. Das war durchaus begründet, weil oft ganze Rotten von Blumensuchern durch die Gemarkungen zogen. Damals nämlich wurde noch auf die Mitte des gesamten Prozessionsweges ein Blumenpfad gestreut, den nur der Priester mit der Monstranz betreten durfte. Alle Anlieger hatten somit für Streublumen zu sorgen, der Feldhüter wies gelegentlich die Sammelplätze zu, damit nicht unnötig Gras zertrampelt wurde. Neben dem Blumenpfad gab es beiderseits des Prozessionsweges weiteren Wegschmuck: Waldgrün oder Fahnen. Fahnen konnte sich aber längst nicht jeder leisten, also griff man auf sogenannte Maien zurück. Das waren frisch geschlagene belaubte Buchenäste, etwa 1,50 Meter groß und im Abstand von zwei bis drei Metern entlang des Weges aufgestellt. Die Beschaffung der Maien war traditionsgemäß Aufgabe der Jugend. Wir Burschen vom Kippelberg zogen am Nachmittag vor dem Fest mit Scholtesse Lej (Leo Hess) und seinem Pferde- und späteren Traktorfuhrwerk in den Gemeindewald und besorgten Maien für die nähere Umgebung unserer Altarstation. Die jeweils benötigte Anzahl der Äste luden wir in den Hofeinfahrten ab. Das Abschlagen der Buchenzweige war möglicherweise dem Forstbeamten ein Dorn im Auge, an Schwierigkeiten kann ich mich aber auch hier nicht erinnern.

Heute sind die Maien längst überholt, sie wären wohl auch nicht mehr zeitgemäß und ihre Beschaffung wäre wenig ratsam. Wenn überhaupt noch Wegschmuck aufgestellt wird, dann in Form von Fähnchen in den Kirchenfarben. Vielfach wird auf jegliche Wegdekoration verzichtet, seitdem es nur noch einen einzigen Altar in der Prozession gibt, hat Ferlichnumsdaach im Eifeldorf sehr viel an Bedeutung eingebüßt. Schmucklose Lücken am Prozessionsweg waren zu unserer Kinderzeit undenkbar, der betreffende Anlieger hätte sich das Dorf zum Feind gemacht. Da wurden sogar mitten in Straßeneinmündungen während der Prozession Maien aufgestellt und anschließend wieder entfernt, – beim Vorbeizug der Prozession musste der Wegeschmuck lückenlos geschlossen sein.

Prozession 2008 am Friedhofsweg. Foto: Hejo MiesNeben den Maien mussten auch junge Fichten in verschiedenen Größen beschafft werden. Sie bildeten den Hintergrund für den Altar. Diese Bäumchen durften im Gemeindewald geschlagen werden, auch das war Tradition. Verschiedentlich diente ein entsprechend großer, mit Maschendraht und aufgesteckten Fichtenzweigen bespannter Holzrahmen als Hintergrund. Bei unserem Kippelbergaltar entfiel die Hintergrundgestaltung mit dem Bau der Altarnische in der Mauer. Früher wurden auch Fichtenäste zu Sträußen gebunden, mit Fähnchen dekoriert und an den eigens dafür vorgesehenen dicken Nagel in der Hauswand gehängt. Wer statt der Maien Fähnchen aufstellte, musste auch kleine Fichtenzweige zur Herstellung von Girlanden beschafften. Die nämlich wurden in doppelter Reihe zusätzlich zu den Fahnen zwischen den Pfosten aufgehängt.

Am Vorabend

In den Abendstunden vor dem Festtag, so etwa ab 19,30 Uhr, wurde es ungewöhnlich lebendig entlang des Prozessionsweges. Die Straßen waren überwiegend noch unbefestigt und mit einer wassergebundenen Decke versehen, in die sich mit einem Eisendorn leicht Löcher zur Aufnahme der Maien schlagen ließen. Das aber sah die „Obrigkeit“ nicht so besonders gern und Schang (Bürgermeister Johann Leyendecker) hat gar nicht so selten eine Strafpredigt vom Stapel gelassen. Massive Schwierigkeiten oder gar Strafen gab es meines Wissens aber auch in solchen Fällen nicht. Man klemmte also die Maien in die Ritzen zwischen den Pflastersteinen der Kulang (Rinnstein), was manchmal gar nicht so einfach war. Man musste die Äste stark anspitzen, damit sie in die schmalen Fugen passten. Nach einer stürmischen Nacht lagen dann oft die schönen Maien umgebrochen am Boden und das war ärgerlich. Dasselbe galt naturgemäß auch für die Fähnchenstäbe. Findige Kippelberger fertigten sich sehr rasch eiserne „Pfostenschuhe,“ deren starker Dorn leicht zwischen die Kulangsteine getrieben werden konnte. Als später die Straßen geteert waren, kamen ohnehin die Maien aus der Mode.

Das traditionsbewusste Eifeldorf hatte sich zum kirchlichen Hochfest von seiner besten Seite zu zeigen. Dazu gehörte Fahnenschmuck an allen markanten Punkten und öffentlichen Gebäuden auch abseits des Prozessionsweges. Die Fahnen und Fähnchen zeigten früher die Farben Weiß, Gelb, Rot, Grün und Blau. Im Jahr 1985 wurde auf Veranlassung von Pastor Ewald Dümmer durch das Vereinskartell einheitlicher Fahnenschmuck angeschafft. An der Aktion beteiligte sich die gesamte Dorfgemeinschaft. Die neuen blau-gelben „Petrusfahnen“ kamen erstmals beim Fronleichnamsfest 1986 zur Geltung.

Eine nützliche Randerscheinung von Ferlichnumsdaach soll nicht unerwähnt bleiben: Am Vorabend wurden sämtliche Straßen und Gassen einmal gründlich gereinigt. Damals trieben die Leute ihr Vieh noch zweimal täglich über die Dorfstraßen zur Weide und das ging naturgemäß nicht ohne „Spuren“ vonstatten. Bei der normalen Samstagsreinigung übersah man angelegentlich derartige tierisch-pflanzlichen Relikte nach dem Motto dat tritt sech fass (das tritt sich fest), weil die ordentliche Beseitigung ziemlich aufwendig war. Zu Ferlichnumsdaach aber wurden selbst die tatsächlich festgetretenen und eingetrockneten Reste sorgfältig von der Straße gekratzt. Am Festtagsmorgen blieben Schwitt und Blöm (Kuhnamen) ein Stündchen länger im Stall bis die Prozession vorbei war, damit nicht im letzten Augenblick noch ein irreparabler „Schandfleck“ auf der Straße entstand.

Wir Burschen vom Kippelberg hatten am Vorabend de Trapp (die Treppe) herbeizuschaffen und bereitzustellen. De Trapp war der dreistufige hölzerne Altarunterbau mit der zugehörigen „Umrandung“ und dem Tisch. Die Umrandung der Trapp diente der Angleichung der untersten Treppenstufe an das Straßengefälle und verbesserte das Altarbild wesentlich. Diese Einfassung gibt es seit ungefähr 50 Jahren, ursprünglich gehörte sie nicht zur Altarstation. Die bestand noch nach dem Krieg lediglich aus der alten Trapp, welche jahrzehntelang im Freien unter dem vorspringenden Schuppendach bei Klobbe Jakob (Haus Friederichs) oder Lenze Jupp (Haus Bertram) ihren Standort hatte und zuletzt arg baufällig geworden war. Wir sammelten ein wenig auf unserem Kippelberg und brachten die Materialkosten für eine neue Trapp zusammen. Die habe ich dann anfangs der 1960er Jahre in Vaters Werkstatt gebaut und dazu auch eine passende Umrandung angefertigt. Die neuen Altarteile konnten wir fortan witterungsgeschützt in den Scheunen der erwähnten Nachbarn unterbringen, so dass Trapp und Zubehör noch heute in gutem Zustand sind. Ständige „Unterkunft“ ist seit Jahrzehnten die Scheune des Hauses Milz in der Woltersgasse.

Die Prozession

Kaffeepause beim Altarbau 1999. Foto: Archiv Autor
Am Morgen des Festtags mussten wir so gegen 6 Uhr morgens aus den Federn: Der Kippelberg war die erste Altarstation, die Prozession war gewöhnlich kurz nach 10 Uhr da. Der Altar an sich war rasch aufgestellt, die bereitstehenden Teile mussten lediglich zusammengebaut werden. Die Station ist der Örtlichkeit angepasst: Trapp und Umrandung stehen vor der Mauernische auf der Fahrbahn, der anschraubbare Altartisch steht zum Teil in der Nische, so dass der obere Teil des Steinkreuzes das Altarkreuz darstellt. Die Fahrbahn wird zwar im Einmündungsbereich der Woltersgasse durch den Altar eingeengt, an Sonn- und Feiertagen fährt aber hier kaum ein Auto, schon gar nicht während der Prozession, meines Wissens hat es in diesem Zusammenhang noch nie Probleme gegeben. Unmittelbar nach der Prozession wird der Altar wieder abgebaut.

Für die männlichen Altarbauer war damit die Arbeit weitgehend getan, jetzt verwandelten die Frauen mit Tuchbespannung, Teppichläufer, Blumen, Kerzen und Fahnen die „nackte“ Trapp in einen schmucken Altar und widmeten sich dann dem Blumenteppich, dem Kernstück der Station. Die Umrisse des etwa 3 mal 2 Meter großen Teppichs wurden mit Zollstock, Meßlatte und Augenmaß ermittelt und mit einem Stück Rigipsplatte auf den Straßenbelag aufgemalt, schließlich auch das Bildmotiv, – eine knifflige Angelegenheit. Unser Motivzeichner war viele Jahre lang mein Bahnkollege Ulrich Lambertz, inzwischen hat Nachbarin Christiane Dehart seine Nachfolge angetreten. Manchmal wurde auch vom Bildmotiv eine Papierschablone angefertigt. Das war leichter, weil man ungestört und ohne Zuschauer daheim arbeiten konnte. Das Anfertigen des Teppichs erforderte viel Geschick und Geduld, häufig mussten die Blumen einzeln ausgelegt werden, beispielsweise die Margeriten oder die Blütenblätter der Pfingstrosen. Ein arges Hindernis beim Teppichlegen war der Wind, der schon bei mittlerer Stärke gewaltig störte und das mühsam gefertigte Blumenbild nicht selten durcheinander blies. Kräftiges Anfeuchten des Kunstwerks mit der Gießkanne war da hilfreich, allerdings auch nur in mäßigem Umfang. Bei Windböen wie in 2009 war das Teppichlegen so gut wie unmöglich.

Die Altarbauer 1951vom Unterdorf  Bild: Archiv Hejo MiesWährend die Altarbauer ihre Arbeit erledigten, waren die Straßenanlieger nicht untätig: Der Fahnenschmuck an Haus und Straße wurde angebracht und die Hausaltärchen aufgebaut, Wo es zum Prozessionsweg hin kein Fenster gab, stellte man einen kleinen Tisch in die Hofeinfahrt. An jedem Haus gab es ein Altärchen, das war Ehrensache und selbstverständlich. Schließlich wurde noch der Blumenpfad auf der Straßenmitte gestreut. Besonders begabte und eifrige Anlieger gestalteten sogar diesen Pfad als schmalen Blumenteppich mit kirchlichen Motiven und Bildern.

Ein Hausaltärchen war früher in der Eifel oft zu finden, unter anderem auch in meinem Elternhaus. Das war keine großartige Sache, ein von Vater geschreinertes Kreuz, – heute steht es auf meinem Schreibtisch, – eine Marienstatue aus Gips, zwei Kerzen und ab und zu ein paar frische Feldblumen, fertig. Das genaue Gegenteil erlebte ich vor etwa 45 Jahren auf einem Gutshof am Niederrhein: Aus der Eingangshalle führte die breite Treppe ins Obergeschoß, auf dem Treppenabsatz stand zwischen Blumen und Kerzen eine lebensgroße Christusfigur. Wer die Treppe benutzte, wie oft auch immer am Tag, der besprengte sich bei einer Kniebeuge mit Weihwasser und bekreuzigte sich. Die Weihnachtskrippe füllte in diesem Gutshaus das halbe Wohnzimmer aus und in der Kirche gab es eine eigene Familienbank, zu der ich als Hausgast keinen Zutritt hatte.

Fronleichnam 1954, unser Hausaltärchen im Giebelfenster. Bild: Archiv Autor Meistens waren wir mit unserem Altarbauwerk gerade fertig, wenn unten am Kippelberg die Prozession erschien. Es blieb gerade noch Zeit fürs Anzünden der Kerzen, die manchmal einfach nicht brennen wollten oder immer wieder durch den Wind gelöscht wurden. Hier und dort wurde noch rasch ein Blütenblatt im Teppich gerichtet oder ein Fähnchen zurecht gezupft, dann war die Prozession da. Manchmal blieb keine Zeit mehr zum Wechseln der Kleidung. Dann drückte man sich während der Zeremonie am Altar stillschweigend in den Hintergrund: Man trug kein festliches Gewand. Gelegentlich war unser Altarbau aber auch frühzeitig vollendet. Dann musste einer von uns Wache schieben, einmal nämlich hatte ein verirrtes Auto unseren Blumenteppich „angekratzt,“ zum Glück nur an einer Ecke, wir konnten den Schaden noch rechtzeitig beheben.

Wo es die Örtlichkeit erlaubte, blieb der Altar nach der Prozession noch eine Weile unberührt, weil viele Leute das Werk noch einmal begutachten wollten. Bei uns auf dem Kippelberg war das nicht möglich, weil ja die Fahrbahn schnellstens wieder geräumt werden musste. Zwanzig Minuten dauerten die Abbauarbeiten, ganz zuletzt beseitigten ein paar Besenstriche auch den so mühsam fabrizierten Blumenteppich. Ganz früher, als fast jeder Eifeler noch ein Kleinlandwirt war, wurde die Blumenstreu aufgesammelt, getrocknet und an die Stalltiere verfüttert, als Schutz vor Krankheiten und Seuchen. Die Blumen für den Altartisch mussten meistens gekauft werden. Sie wurden in der Regel nach dem Fest als Kirchenschmuck zur Verfügung gestellt oder unter die Altarbauer aufgeteilt.

Fronleichnamsprozession 2008. Foto: Hejo MiesDas Fronleichnamsfest verlief zu unserer Jugendzeit nach ganz bestimmten örtlichen Regeln. Dechant Lux legte beispielsweise besonderen Wert auf die exakte Einhaltung der vorgeschriebenen Prozessionsordnung. Er konnte ziemlich ungehalten werden, wenn etwa einer von uns Messdienern nicht spurte. Auch die Zeremonie an den Altären verlief bei ihm genau nach Vorschrift. Und Mädchen als Messdiener ? Allein der Gedanke daran war für unseren gestrengen Seelenhirten unmöglich. Und absolut undenkbar wäre bei Dechant Lux das gewesen, was im vergangenen Jahr in Blankenheimerdorf der Fall war: Ein Nichtpriester trug bei der Fronleichnamsprozession die Monstranz. Der Dechant ließ sich auch durch ein paar Regentropfen nicht von den Feierlichkeiten abhalten, ich kann mich nicht erinnern, dass bei ihm einmal die Prozession ausgefallen wäre. Das alles trifft auch auf unseren verstorbenen Pastor Ewald Dümmer (1960 bis 1988 in Blankenheimerdorf) zu. Sein Name steht mit der Überschrift zu diesem Beitrag in Zusammenhang.

An unserem Kippelbergaltar ließ nämlich Pastor Dümmer bei den „Fürbitten“ jedes Mal „für die Arbeiter, Angestellten und Handwerker“ beten, die Beamten überging er angelegentlich und das ärgerte mich, gehöre ich doch selber dieser Sorte Mensch an. Diesem „Ärger“ machte ich irgendwann einmal beim Frühschoppen nach der Prozession Luft. Mein Freund Walter Schmitz, der für seine Schlagfertigkeit bekannt ist, wusste die Antwort: Für Beamte bruch mr net ze bedde, die han doch suwiesu ad dr Himmel op dr Erd (Für Beamte braucht man nicht zu beten, die haben doch sowieso schon den Himmel auf Erden.) Wetten, dass da der Himmelsherr selber geschmunzelt hat !

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