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17.09.2013




 

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Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Erinnerungen an Jött

Im Eifeler Dialekt heißt die Taufpatin Jött oder Jöttche, ihr männliches „Gegenstück“ ist Patt oder Pättche (Pate). Ein einmal zugeteilter Bei- oder Kosename wird nicht selten lebenslang beibehalten, in fast jedem Dorf gab und gibt es beispielsweise einen „Büb“ oder einen „Männi.“ Mein Vetter Matthias Franzen wurde bei uns allgemein nur „dr Büb“ genannt, seine Mutter Maria, die Schwester meiner Mutter, war meine Jött. Mein Pättche war Onkel Stoffel (Christoph) aus Esch (bei Jünkerath), Vaters Bruder, der mir meinen zweiten Rufnamen gab. Bei uns im Haus lebte Tante Elisabeth Plützer, eine weitere Schwester meiner Mutter. Sie wurde von uns allen nur „Jött“ genannt, von ihr will ich hier erzählen.

Wann und warum sie ihren Beinamen erhielt, ist mir nicht bekannt. So lange ich denken kann, kenne ich sie ausschließlich als „Jött.“ Niemals wäre es uns Kindern in den Sinn gekommen, sie mit „Tant Liss“ anzureden, wie etwa bei „Tant Marie“ oder „Tant Sophie.“ Das hätte ihr wohl auch wenig gefallen, „Jött“ nämlich war so etwas wie ein Ehrentitel, den auch die Erwachsenen anwendeten und der im ganzen Dorf mehr oder weniger üblich war. Wenn von „Jött“ die Rede war, wusste jedermann, um wen es sich handelte. Gelegentlich nannte man sie auch „Schlemmesch Liss“ in Anlehnung an ihr Stammhaus: Ihre Großmutter Ursula Plützer war eine geborene Schlemmer und stammte aus dem alten Schlemmers Hof.

In ihrer Volksschulzeit muss unsere Jött gut in Deutsch gewesen sein, sie konnte fehlerfrei schreiben und sehr passable Aufsätze formulieren. Das war mir in der Volksschule eine sehr wertvolle Hilfe, dank Jött brachte ich meistens brauchbare Hausaufgaben zustande. Sie zensierte nach bestem Wissen und hieß mich solange korrigieren, bis der Aufsatz ihren Vorstellungen entsprach. Das blieb natürlich auf die Dauer unserem Lehrer nicht verborgen und manchmal meinte Josef Gottschalk etwas hinterhältig: „Da hat dir aber Jött wieder fleißig geholfen.“ Die Vorliebe der Tante für die deutsche Sprache hat sich offensichtlich auf den Neffen übertragen, Deutsch nämlich war eins meiner Lieblingsfächer, auch später noch auf dem Gymnasium, selbst heute noch.

Familienfest im Sommer 1943, ganz rechts unsere Jött. (Archivbild Hejo Mies)Unsere Jött wurde am 16. Mai 1899 geboren, sie starb am 20. August 1982. Taufpatin war sie nur für meine jüngste Schwester Helga, im Alltag aber war sie für uns vier Pänz die gemeinsame Jött. Sie war für uns die „Babička,“ die der Sänger Karel Gott in seinem Welthit von 1979 besingt. Die tschechische Babička ist die deutsche Großmutter. Die echte Oma ist für ihre Enkelkinder weit mehr als nur eine Großmutter, sie ist die zentrale „Anlaufstelle“ in allen Lebenslagen, die Trösterin in jedem Kinderleid und Hilfe in jeder Not. Und genau das war unsere Jött für ihre Schwesterkinder. Sie selber hat wegen eines körperlichen Gebrechens nicht geheiratet, wir waren aber für sie so etwas wie Enkelkinder. Meine richtigen Großeltern habe ich nicht gekannt.

Vom Leben nicht verwöhnt

Einfach und bescheiden wie ihr Elternhaus, war auch Jötts Leben. Sie ist nie großartig in Erscheinung getreten, dazu gab es auch in unserem kleinen Dorf keine Gelegenheit, und die Große Weite Welt hat sie niemals kennengelernt. Das Schicksal hat sie ziemlich lieblos behandelt: Mit 16 oder 17 Jahren, im besten Mädchenalter, stürzte sie im knubbeligen (unebenen) Hof vor der Haustür und trug eine Wirbelsäulenverletzung davon. Vor fast 100 Jahren war die Chirurgie im Vergleich zu heute noch weit „hinter dem Mond,“ außerdem hatten die Leute für große Operationen kein Geld. Jött behielt einen bleibenden Rückenschaden, musste zeitlebens ein Stützkorsett tragen und konnte keine schwere Arbeit verrichten. Sie hat zwei Weltkriege und deren schlimme Folgen erlebt, klein beigegeben hat sie nie.

Ein weiteres Mal hat ihr das Schicksal böse mitgespielt: In den 1960er Jahren wurde sie in der ostbelgischen Ortschaft Lontzen von einem Motorrad angefahren und erlitt einen Oberschenkelhalsbruch. Für ältere Menschen zieht eine derartige Verletzung bekanntlich einen langwierigen Heilungsprozess nach sich, Jött lag mehrere Wochen im Krankenhaus in Eupen. Lontzen ist eine kleine Ortschaft nahe der Landesgrenze bei Aachen, Jött war dort bei meiner ältesten Schwester Christel zu Besuch.

So lange ich denken kann, hat Jött bei uns daheim die leichteren Haushaltsarbeiten verrichtet, Kochen war beispielsweise ihr großes Hobby. Sie hat wohl auch einigen Einfluss auf unsere Erziehung ausgeübt. Vater nämlich war ganztägig auf Arbeit und Mutter musste sich intensiv mit Ohm Mattes, ihrem Bruder, um unsere kleine Landwirtschaft kümmern. Während der Kriegsjahre, als Vater und der Onkel nicht daheim waren, hat sie sogar alles allein tun müssen. Erstaunlich war, dass Jött trotz ihres kranken Rückens Wasser vom Lorbach herauf zu schleppen vermochte. Das ging, solange sie zwei Eimer trug und der Rücken gleichmäßig belastet war, einen einzelnen Eimer konnte sie schlecht tragen. Wasserschleppen war bei uns generell Frauenarbeit, eine Wasserleitung hatten wir ja nicht.

Kriegserlebnisse

Es war am 08. November 1944 (Datum und Uhrzeit habe ich aus authentischen Aufzeichnungen ermitteln können). Gegen 14,30 Uhr kam ich mit Jött vom Wasserholen am Lohrbach. Mehrere „Jabos“ hatten die Bahnanlagen in Blankenheim-Wald angegriffen und drehten über Bierther Hardt (Flurname) ab, ein Einzelner griff aber noch einmal an. Er geriet in massives Flakfeuer, wie wir an den schwarzen Sprengwölkchen erkannten, stieg blitzschnell wieder hoch und klinkte dabei zwei Bomben aus, wir sahen sie genau auf uns zu fallen. Die kostbaren Wassereimer em Ress (im Stich) lassend, rannten wir aufs Haus zu. Im Hof überfiel uns schreckliches Krachen und Prasseln und auf unserem Peisch (Wiese vor dem Haus) lagen plötzliche dicke Erdbrocken herum. Uns war nichts geschehen, Jött stieg aber auf den Speicher hinauf und kam schreckensbleich zurück: Die Bombe sin op os Huus jefalle. Zwei Jabobomben auf unser Haus, da wäre wohl nicht mehr viel von uns übrig geblieben! Tatsächlich klafften aber zwei metergroße Löcher im Hausdach und der Speicherboden lag voller Erdklumpen. Die Bomben waren gegenüber im Hang der Hardt niedergegangen.

Als im März 1945 die Amerikaner Nonnenbach besetzten, mussten wir unser Haus räumen und kampierten in einer Holzbaracke am Fuß der Hardt. Ich war mit Jött im Berghang oberhalb unserer Baracke beim Holzsammeln, als es nicht weit von uns im Wald fürchterlich krachte. Die 75-jährigen Fichten im Südhang der Hardt waren damals noch Weihnachtsbäume, man konnte über sie hinweg bis nach Nonnenbach schauen, – und auch von dort gesehen werden. Auf „Krengs Peisch“ hantierten drei oder vier Amis mit einem Granatwerfer herum und gerade jetzt krachte es wieder, diesmal näher bei uns. „Die scheeßen op os!“ In Todesangst hasteten wir talwärts und schon wieder krachte es hinter uns, diesmal beängstigend nahe, die Amis hatten sich offensichtlich „eingeschossen.“ Später entdeckten wir nahe der Stelle, wo wir uns zwei Minuten vor dem Knall noch aufgehalten hatten, einen flachen Trichter im Waldboden. Wir hatten einen mächtigen Schutzengel. Die Amis hatten wohl oben im Wald eine Bewegung entdeckt und entsprechend reagiert. Es bestand Ausgehverbot, so weit ab von den Häusern hatte von uns keiner etwas zu suchen.

Da fällt mir noch ein lustiges Ereignis ein. Die Amis waren scharf auf frische Hühnereier. Drei Soldaten erschienen bei Jött, einer hielt ihr das Gewehr vor den Bauch und forderte wiederholt „äck, äck,“ dabei formte er mit den Fingern so etwas wie ein Bällchen. Woher hätte unsere arme Jött wissen sollen, daß der Mann „egg“ sagte und „Ei“ meinte? Energisch schob sie den Gewehrlauf beiseite und zuckte mit den Schultern. Als alles Äck-Palavern nicht fruchtete, fiel dem Ami schließlich die Lösung ein: Er gackerte wie ein Huhn. Seine Kameraden erhoben ein brüllendes Gelächter und Jött verstand. Sie griff ins Köcheschaaf und brachte den flachen Eierkorb zu Vorschein, darin zwei einsame Eierchen. Ein hastiger Griff, zwei Titsche (leichte Stöße) gegen den Gewehrlauf, und genüsslich wurden die Eggs ausgetrunken.

Kaum angekommen, machten die Amis Jagd auf unser Federvieh. Sie trieben die etwa 15 Hühner in den umfriedeten Garten und ballerten mit ihren kurzen Gewehren auf die flüchtenden Tiere. Aus nächster Nähe getroffen, blieben von dem armen Huhn nur ein paar unbrauchbare Fetzen in der Gartenhecke übrig. Einer der Kerle muss wohl ein Urenkel Winnetous gewesen sein: Er fand im Stall unser breites Strohhackebeil und ging mit diesem Tomahawk auf Hühnerjagd. Mit gezieltem Wurf spaltete er tatsächlich zwei der Tiere in zwei Teile. Die knallte er vor Jött auf den Tisch und befahl: „Braten.“ Nach zwei Tagen lebte bei uns kein Huhn mehr und da war es auch mit den Eggs zu Ende.

Lesen mit Jött

Unsere Jött war vermutlich Mitglied im „Steyler Missionswerk,“ zumindest bezog sie regelmäßig den „Michaelskalender,“ ein Bild des Gründers Pater Arnold Janssen hing bei uns an der Stubenwand. In der halben Eifel war damals und auch noch nach dem Krieg ein Hausierer gern gesehen, den man nach seinem Wohnort Stotzheim allgemein „dr Stotzemer“ nannte. Er verkaufte neben Sicherheitsnadeln, Briefumschlägen und Gummiband, auch Heiligen- und sonstige religiöse – manchmal auch weniger religiöse – Bildchen und versorgte unsere Jött gelegentlich mit neuem Steiler Missionsmaterial. Pater Janssen wurde im Jahr 2003 heiliggesprochen, Jött hat das große Ereignis leider nicht mehr erleben dürfen.

War unsere Jött eine besonders fromme Frau ? Sie war gewiss nicht „unfromm,“ wie sich das für die Eifeler Bauersfrau ja auch gehörte. Andererseits war sie aber keinesfalls das, was man unter einer „Betschwester“ versteht. Sie hat übrigens zeitlebens Wert auf die Anrede „Fräulein Plützer“ gelegt, weil sie nicht verheiratet war und die Anrede „Frau“ ihrer Meinung nach nur der Ehefrau zustand. Neben dem Michaelskalender hatte sie auch die „Stadt Gottes“ abonniert, die Familienzeitschrift der Steyler Missionare. Sauber nach Jahrgängen geordnet, wurden die Hefte auf dem Speicher in Kartons verwahrt, in denen ich von Zeit zu Zeit stöbern durfte. Die Hefte haben mich immer interessiert, es gab da oft spannende Erzählungen und bemerkenswerte Bilder. An eine Graphik erinnere ich mich heute noch genau: Ein weit ins Meer hinaus ragendes schwarzes Felsentor, davor auf dem Wasser ein Mensch in einem winzigen Schiffchen. Überschrieben war das Bild mit „Die Heimat der Seele.“ Die Stadt Gottes-Sammlung unserer Jött wäre heute vermutlich wertvoll, zumal es da sogar mehrere uralte Jahrgänge in Schwarzweißdruck gab.

Abrakadarbra, aus Märchen der Völker (Repro J. Vossen)In Jötts Schlafzimmer gab es in der dicken Bruchsteinwand ein geräumiges Wandschaaf (Wandschrank), in dessen „Parterre“ sich eine Menge Lesestoff stapelte. Lesen war ein Hobby unserer Jött, – was sonst hätte sie auch tun können ? Das „Leben der Heiligen“ gehörte früher in jedes christliche Haus, ebenso die Hausbibel und der Katechismus. Bei Jött kamen noch Schulbücher und landwirtschaftliche Fachschriften hinzu. Ein dickes Märchenbuch der Gebrüder Grimm war da, allerdings fehlte ein Teil, mitten in „Schneeweißchen und Rosenrot“ war das Buch zu Ende. Die Märchen kannte ich alle auswendig, Jött hat sie mir hundertmal vorgelesen. Auch Karl Mays Erzählung „Der Waldläufer“ war leider nur noch Teilwerk, die Heftlieferung „Winnetou“ dagegen war vollzählig. Jött hat nie im Leben ein Wort Englisch gelernt, sie sprach die englischen Wörter so aus, wie sie geschrieben standen, Old Firehand beispielsweise oder Old Shatterhand. Der „Cigaretten-Bilderdienst Hamburg“ gab damals Sammelalben heraus, eins davon hieß „Märchen der Völker“ aus dem Jahr 1933 und darin gab es unter vielen anderen das amerikanische Märchen „Bobby Box.“ Auch hier verdeutschte die Vorleserin die englischen Ausdrücke nach Gutdünken, „Babe Walker“ zum Beispiel oder „Mister Jim.“ Woher hätte sie auch die englische Aussprache kennen sollen?

Die Wunderflasche

Eine Krankenkasse kannten damals die Leute nur vom Hörensagen und für private Behandlungen fehlte das Geld. Der Dokter aus Blankenheim wurde nur im echten Notfall gerufen, bei Alltagswehwehchen und Kinderkrankheiten war Jött unser Hausdoktor. Ihre „Apotheke“ bestand aus ein paar weißen Leinentüchern, aus drei oder vier hundertmal gebrauchten und wieder gereinigten Verbandrollen, aus mehreren Tüten Kamillen-, Pfefferminz- oder Fliedertee, aus einem Topf ungesalzenem weißem Schweineschmalz, aus einem Röhrchen „Spalttabletten“ und aus einer mittleren Flasche Essigsaure Tonerde. Dazu kannte sie noch ein halbes Hundert Hausmittelchen, die im Bedarfsfall nach überlieferten Rezepten hergestellt wurden.

Schwester Elisabeth, unsere Jött beim DRK Blankenheim (Archivbild J. Vossen)Die Essigsaure Tonerde war ein Allheilmittel, mir persönlich gab das helle Wässerchen Rätsel auf: Wieso konnte „Erde“ flüssig sein? Einmal hatte ich mir beim Schlittenfahren am verrosteten Stacheldraht einen Ratsch (Riß, Schramme) am Unterschenkel zugezogen. Abends tat das ganze Bein weh und der berüchtigte rote Streifen zeigte sich, die beginnende Lymphbahnentzündung. „Blotverjeftung,“ konstatierte Jött und griff zur Wunderflasche im Köcheschaaf. Der Doktor hätte mir eine Woche Bettruhe und viel Penizillin verordnet, Jött kurierte mich mit ihrem Wunderwasser und ein paar Verbänden in drei Tagen, ich musste nicht mal im Bett liegen. Um 1950 war unsere Jött aktives Mitglied im Ortsverein Blankenheim des Deutschen Roten Kreuzes, wo sie als „Schwester Elisabeth“ geführt wurde. Auf diesen Titel und auf ihre „Dienstkleidung“ war sie stolz.

Die Glöcknerin von Nonnenbach

Irgendwann in den 1950er Jahren, – ich meine, es war unter Pfarrer Josef Werden, – hat sie vorübergehend die Reinigung der Kirche in Blankenheimerdorf übernommen. Es ging ihr zu dieser Zeit körperlich relativ gut. Manchmal half ich ihr bei der Arbeit (wir wohnten schon in Blankenheimerdorf), indem ich beispielsweise ihr Putzzeug auf die Orgelbühne hinauf trug. Im kleinen Turmstübchen hinter der Orgel war damals die Pfarrbücherei eingerichtet. Hier konnte man sonntags nach dem Hochamt unter Aufsicht des Kirchenrendanten Nikolaus Brück, Lesestoff leihen, Paul Keller beispielsweise, Karl May oder die zahlreichen Jugendschriften von Wilhelm Herchenbach. Hier habe ich mir damals des Öfteren kostenlos Bücher „ausgeliehen,“ wobei Jött genauestens sowohl das Ausleihen als besonders auch die vollständige Rückgabe überwachte. Die Geschichte war zwar nicht so ganz ordnungsmäßig, eine allzu große Missetat wird es aber wohl nicht gewesen sein, denke ich.

Vorübergehend hat Jött auch Glöcknerdienst im Nonnenbacher Brigida-Kapellchen getan. In meiner Kinderzeit war daheim das tägliche Mettechlögge (Mittagläuten) üblich. Das helle Bimmeln des Glöckchens war in weitem Umkreis zu hören, an ihm orientierten sich die Leute bei der Feldarbeit, denn damals besaß noch längst nicht jeder eine Uhr. Unter anderem war das Mettechlögge auch für uns Hütebuben das Zeichen zum Heimtrieb. In den Schulferien nämlich mussten wir auch vormittags met de Köh fahre (Kühe hüten).

Unser Mittagläuten erfolgte in den wenigsten Fällen pünktlich genau um 12 Uhr. Jött besaß einen jener uralten Wecker mit dicker Schellenkappe. Den stellte sie auf „Viertelvorzwölf“ ein und marschierte los, wenn die Schelle rasselte. Zwei oder drei Minuten vor Zwölf war sie dann meistens am Kapellchen und läutete, wenn es nach ihrer Schätzung Mittag war. Die genaue Uhrzeit erfuhr man damals nur durchs Radio und ein solches war nicht in jedem Haus zu finden. Im ganzen Dorf gab es wohl kaum eine ständig exakt richtiggehende Uhr. Gelegentlich versuchte auch ich mich im Läuten, den obligatorischen Doppelschlag des Glöckchens, bim - bimbim - bim, schaffte ich aber nicht, Jött wurde ärgerlich und ich war abgeschrieben.

Singen und Handarbeit

Jött war ziemlich geschickt in fraulicher Handarbeit. Diese Fähigkeit verhalf ihr in den Nachkriegsjahren vorübergehend zur Funktion einer Handarbeitslehrerin. Einmal in der Woche unterrichtete sie die Nonnenbacher Mädchen in Nähen, Stricken und Häkeln, verdiente sich ein paar Groschen damit und war stolz auf ihren „Arbeitsposten.“ Der zweistündige Handarbeitsunterricht fand außerhalb der Schulstunden nachmittags statt.

Abends saß Jött mit einer Näharbeit an unserem langen Stubentisch mit der weiß gescheuerten Buchenholzplatte. Die Lampe mit grünem Schirm und fingerlangem Glasperlenbehang war tief über den Tisch herabgezogen, damit die 40 Watt - Birne wenigstens in etwa genügend Helligkeit für das Arbeitsfeld lieferte. Eine stärkere Birne gab es nicht, die hätte zuviel  Liëch (Strom) „verbrannt.“ Im letzten Kriegsjahr und auch noch danach hatten wir keinen elektrischen Strom mehr, da musste die Stejnollichslüech (Petroleumlampe) genügen. Aber auch bei deren Funzellicht wurden Strümpfe gestopft und Hemden genäht. Kleidung war Mangelware, sie wurde so lange immer wieder repariert und geflickt, bis sie nur noch „aus Löchern mit ein paar Fäden drum herum“ bestand. Als ich aufs Gymnasium kam, hat Jött mir eine „neue“ Hose aus gebrauchtem feldgrauem „Soldatenstoff“ angefertigt, ich habe sie zwei Jahre lang in Steinfeld getragen.

Gesangverein Nonnenbach um 1925 (Archivbild Hejo Mies)Bei ihrer Hausarbeit sang unsere Jött häufig leise vor sich hin, oft summte sie auch nur die Melodien. Gelegentlich sang sie uns Kindern ihre Lieder vor, – das tat übrigens unsere Mutter ebenfalls. Ich entsinne mich beispielsweise noch an die traurige Geschichte vom „armen Waisenknaben.“ Mutter und Jött gehörten in ihrer Jugend dem sehr aktiven Nonnenbacher Gesangverein an. Auf dem Foto aus dem Jahr 1925 zählt der Verein 32 Mitglieder. Die Zweite von rechts in der zweiten Reihe ist Jött, die Vierte von links in der dritten Reihe ist Mutter. Jött ist auf dem Bild 26, Mutter 18 Jahre alt. In der hinteren Reihe ganz links steht der Vereinsgründer und Dirigent Andreas Königsfeld. Er war der erste Lehrer von Nonnenbach (1919 bis 1934). Unter ihm entstand im kleinen Dorf, – einschließlich Schlemmershof 18 Häuser mit rund 120 Einwohnern, – ein erstaunlich reges Vereinsleben. Neben dem Chor gab es den Theaterverein, der über die Ortsgrenzen hinaus bestens bekannt war und beispielsweise wegen großer Nachfrage den „Freischütz“ wiederholt aufführen musste. Vorübergehend gab es auch einen Turn- und Sportverein und sogar einen Obstanbauverein. Nonnenbach und Schlemmershof waren vor 80 Jahren „fruchtbare“ Ortschaften. Zum Vergleich: Im Jahr 1964 zählte die Volksschule nur noch 5 Schüler und musste für immer geschlossen werden.

Die Spezialistin

Bei uns daheim gab es bestimmte häusliche Verrichtungen, die ausschließlich Sache unserer Jött waren und mit denen sich kein anderer befassen durfte. Sie traute anderen Leuten die erforderlichen Fähigkeiten nicht zu nach dem Motto: „Wenn ech et selever maache, wejß ech, dat et jedohn es,“ und das hieß soviel wie „lasst ihr die Finger davon.“ Zu diesen Arbeiten zählte unter anderem die Herstellung von Omberesaff (Himbeersaft), von Knüddele (Mehlspeise ähnlich den Spätzle) oder von Klatschkäs (Quark). Eine ihrer Spezialitäten war selbstgemachter „Pannhas“ nach der Hausschlachtung, ein schwarzer Schmarren aus Schweineblut, Speck, Buchweizenmehl und scharfen Gewürzen, optisch vielleicht etwas unansehnlich, aber außergewöhnlich wohlschmeckend. Bei der Wurstherstellung wurden bei uns ausschließlich Naturdärme vom Schlachttier verwendet. Die mussten zuvor gereinigt werden, eine unbeliebte und langwierige Arbeit. Jött saß stundenlang im Huus (Küche), das „Schrappbrett“ auf den Knien, und schabte mit dem Messerrücken die linksgedrehten Därme ab. Diese Arbeit überließ man ihr liebend gerne.

April 1939, Kommunionfest in Schlemmershof mit Pastor Hermann Lux. Jött als Küchenmeisterin in weißer Dienstkleidung (Archivbild J. Vossen)Langweilig und eintönig war auch das Botterdrähe (Butterdrehen = Arbeit am Butterfass), Jött übernahm es freiwillig. Manchmal durfte auch ich „schwengele,“ weil mir aber meistens die nötige Geduld fehlte, drehte ich zu schnell und das missfiel meiner Lehrmeisterin. Je nach Witterung, besonders bei „Gewitterluft,“ wollte der Rahm einfach nicht „klumpen“ und das Botterdrähe zog sich unendlich hin, Jött schwengelte aber unverdrossen drauflos, bis der zweipfündige gelbe Botterklötsch (Klumpen) fertig war und mit dem dicken Holzlöffel ins Stejndöppe (Keramiktopf) geknetet werden konnte. Die Erwachsenen schlürften dann genüsslich die schlabberige Bottermelech (Milch), mir grauste vor dem säuerlichen Zeug. Buttermilch mag ich heute noch nicht. Im Krieg wurden allenthalben die Trommeln der Zentrifugen und die Butterfassflügel requiriert und auf dem Schulspeicher deponiert. Buttern daheim war verboten, die Vollmilch musste restlos abgeliefert werden. Jött schöpfte aber den Rahm von den Milchtöpfen – sie sahnte also im Sinne des Wortes ab – und rührte ihn im Stejndöppe so lange mit dem Briebeißem (Breibesen), bis die „schwarze“ Butter fertig war. Nach dem Krieg holten sich die Leute als Allererstes ihre Trommeln und Butterfassflügel vom Schulspeicher.

Eine weitere Spezialarbeit von Jött war das Brennholzstapeln im Schuppen. Im Frühjahr hatte Ohm Mattes mit meiner „Hilfe“ das Brandholz gesägt und gehackt, auf dem Holzplatz neben dem Schuppen wartete ein mächtiger Berg Wintervorrat auf den Transport unter Dach. Das geschah im Hochsommer, wenn es heiß und das Holz gut getrocknet war. Beim Holz eren dohn (unter Dach bringen) ging ich natürlich unserer Jött zur Hand, indem ich mit meiner kleinen Kinderschubkarre die Hackstücke in den Schuppen karrte. Stapeln durfte ich nicht, das machte ich nicht korrekt genug.

* * *

Meine Erinnerungen an unsere Jött sind ausschließlich positiver Natur. Sie hat mich zwar hin und wieder mit einer Uhrwatsch (Ohrfeige) „auf Vordermann gebracht,“ derartige Bagatellen waren aber im Handumdrehen vergessen. In Erinnerung geblieben ist Jött, wie sie mit der mächtigen gusseisernen Pfanne am Herd hantiert und frischen Pannhas brutzelt, wie sie Schweinsdärme schrappt, und wie sie mir zum x-ten Mal die Geschichte von Bobby Box vorliest. Sie war eine Zentralfigur in unserer Kinderwelt. Noch heute, wenn wir uns über Daheim unterhalten, fällt spätestens beim zweiten Satz das markante Wort J ö t t


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