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17.11.2015




 

Foto: hejo@blancio.de

Herzlich willkommen in Blankenheimerdorf

Eine Scheibe davon abschneiden

St. MartinZur Dörfer „Martinskirmes“ gehört als Auftakt der Martinszug, auf den sich unsere Kinder schon wochenlang vor dem Fest freuen. Sankt Martin hoch zu Ross, das riesige Feuer, der Umzug durchs Dorf mit Musik und vielen selbst gebastelten prächtigen Fackeln, und schließlich die süßen „Weckmänner,“ die der Heilige Mann an die kleinen Zugteilnehmer verteilt, locken auch auswärtige Besucher ins Dorf. Beim Martinsfest 2015 fiel mir in Erinnerung an frühere Veranstaltungen eine kleine Weckmann-Geschichte ein, die sich vor etlichen Jahren bei uns ereignete und die uns auch heute noch nachdenklich stimmen dürfte. Ich kramte in meinem Archiv und fand in der Rundschau vom 11. November 1989 meinen Beitrag mit der Überschrift „Eine Scheibe davon abschneiden.“ Hier die Wiedergabe:

Unter den Martinswecken, die Blankenheims Bürgermeister Toni Wolff traditionsgemäß an die Kinder in seinem Heimatort Blankenheimerdorf verteilte, waren diesmal 20 süße Backmänner, die es „im Rücken hatten.“ Ein Gewinnkärtchen der Interessengemeinschaft Wiesenfest nämlich, das man gegen ein schönes Spielegeschenk eintauschen konnte. Die Wiesenfestler hatten sich kurzfristig zu dieser, vom Bürgermeister begrüßten Aktion entschlossen. Freilich konnte nicht jeder gewinnen, mancher Erwachsene zog verärgert und ziemlich böse mit seinem Sprössling heimwärts: „Mein Kind hat nichts gewonnen.“ Ein etwa zehnjähriges Mädchen beschämte sie mit einem kindlichen Beispiel.

Weckmann„Mein Weckmann hatte zwei Kärtchen im Rücken,“ meldete sich das Kind bei Wiesenfest-Chef Walter Schmitz, „habe ich jetzt auch zweimal gewonnen?“ Angesichts des offensichtlichen „Verpackungsfehlers“ räumte Schmitz „selbstverständlich“ ein. Schon im Begriff, zwei der verlockenden Spielkartons an sich zu nehmen, fiel dem Mädchen plötzlich ein: „Da habe ich ja den Gewinn von einem anderen Kind,“ und ganz spontan legte sie ein Paket zurück: „Ich schenke lieber das zweite Kärtchen einem Kind, das nichts gewonnen hat.

Das war so recht nach dem Herzen des Wiesenfest-Vorsitzenden, der mir die Geschichte erzählte und der behauptete: „Da können wir uns alle eine Scheibe abschneiden.“

Unsere Kinder zeigen uns, wie man´s machen sollte. Und wir? In den Hungerjahren im und nach dem Krieg war „teilen“ für uns ein selbstverständlicher Begriff. Wenn man beispielsweise zum Namenstag von der „Jött“ (Patentante) ein Täfelchen „Schokoladenersatz“ (schmeckte wie Sand, war trotzdem kostbar) geschenkt bekam, wurden die viereckigen Riegel gewissenhaft unter den Geschwistern aufgeteilt. Manchmal blieb bei der Verteilung ein Rest übrig, weil die Anzahl der Stücke nicht „auf ging.“ Das war dann für das Namenstagskind von Vorteil: Ihm wurde der Rest zusätzlich gewährt. Auch das war selbstverständlich. Eine arme Zeit war das damals, aber wir waren zufrieden.

Heutzutage ist „teilen“ beinahe völlig aus unserem Wortschatz gestrichen, jeder ist „sich selbst der Nächste.“ Auch dafür ein Beispiel: Im Blankenheimer Supermarkt war ein Sonderangebot „gut gelaufen,“ nur noch ein paar von den handlichen Päckchen waren in der Kiste. Drei Kundinnen standen davor, berieten sich offensichtlich über Kauf oder Nichtkauf. Zwischen den Regalen hindurch steuerte eine vierte Kundin die Gruppe an, aufgedonnert und rein optisch unbedingt als „Dame“ einzustufen. Am Ziel schubste sie wortlos eine der drei Frauen beiseite, griff mit beiden Händen in die Kiste, raffte die Päckchen – es waren vier oder fünf Stück – an sich und entschwand erhobenen Hauptes in Richtung Kasse. Die personifizierte Raff- und Habgier, ein „Raffzahn,“ wie er im Buche steht.

Wecken austeilenEgoismus, Korruption und Betrug markieren unsere computergesteuerte moderne Gegenwart, ein Blick in die Tageszeitung genügt als Beweis für diese Behauptung. „Je mehr er hat, je mehr er will, nie schweigen seine Klagen still“ beschrieb schon 1776 der Dichter Johannes Martin Miller in seinem Werk „Zufriedenheit“ die Raff- und Besitzgier mancher Zeitgenossen. Das Gedicht mussten wir seinerzeit in der Volksschule auswendig lernen. Denken wir einmal 70 Jahre zurück an die Nachkriegsjahre. Damals ging es uns schlecht, wir waren arm, – und mit Wenigem zufrieden. Wie wertvoll war damals beispielsweise eine simple Schachtel Streichhölzer! Heute geht es uns gut, wir sind nicht mehr arm, – und nicht mehr zufrieden. Der Neid frisst uns auf. Um es in Dörfer Platt zu sagen: „Mir krejen dr Hals net voll.“

Mit der Zufriedenheit untrennbar verbunden ist die Ehrlichkeit. Auch hierzu ein anschauliches Beispiel, wie man „es machen sollte“: In 1983 war ich Platzsprecher beim Wiesenfest. Aufgeregt meldete sich bei mir ein, damals etwa 12 oder 13 Jahre alter Dörfer Jong mit einem gefundenen Portmonee: „Da ist viel Geld drin.“ Es waren so um die 70 D-Mark drin, damit hätte man herrlich und in Freuden mit den Kumpels Wiesenfest feiern können. Das aber kam für den ehrlichen Finder nicht in Frage. Nach einer Lautsprecherdurchsage meldete sich die Verliererin, nahm hocherfreut ihren verlorenen Schatz in Empfang, überhörte angelegentlich meinen Appell an ihre Dankbarkeit dem Finder gegenüber, – und speise den Jungen mit ein paar schäbigen Pfennigen ab. Das war nicht gerade die feine Art von Dankbarkeit. Anders dagegen Wilfried Meyers, der damalige Wiesenfest-Chef: Er belohnte die Ehrlichkeit des Jungen mit ein paar Verzehrbons für die Frittenbude.

Der ehrliche Finder von 1983 ist heute ein gestandener Dörfer Bürger und Familienvater. Von ihm können wir lernen, dass Ehrlichkeit, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, letztendlich doch „am längsten währt.“ Um Mit Walter Schmitz zu sprechen: Auch in diesem Fall können wir alle uns eine tüchtige Scheibe abschneiden.

 

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